
Stolz durchschreitet der Hahn Chantecler, ein Dichterfürst, sein Herrschaftsgefilde: Einen Hühnerhof. Einer Fasanin, deren Herz er erobern will, vertraut er sein Geheimnis an: dass sein morgendliches Krähen die sonne aufgehen lässt. Doch schon haben sich „die Nächtlichen“, die Käuze und Eulen, gegen denjenigen verschworen, dessen Ruf ihr dunkles Reich täglich von neuem zu vertreiben scheint. Nach dem Duell mit einem Kampfhahn zieht sich Chantecler mit seiner Fasanin in den Wald zurück. Einer Nachtigall lauschend muss er erkennen, dass sein Krähen weder besonders schön ist noch die Sonne aufgehen lässt. Trotzdem wird er auf seinen Hühnerhof zurückkehren und weiterhin krähen, denn er hat gelernt, „dass der, der seinen Traum sterben sah, stirbt – oder sich stärker aufrichten muss“.
Edmond Rostand (1868-1918) hat mit seinem 1910 uraufgeführten „Chantecler“ ein burlesk satirisches Gesellschaftsdrama geschaffen, dessen Doppelbödigkeit sich für die Stückwahl des „Theaters im Marienbad“ geradezu anbietet: Einerseits wird in dieser Kinder besonders ansprechenden Tierallegorie eine psychologische Fabel über Relativierung kindlicher Allmachtsphantasien erzählt, andererseits ist „Chantecler“ eine bittere Satire auf die Hohlheit einer eitlen Künstlergesellschaft; so verkörpert die Amsel einen auch heutzutage noch weitverbreiteten opportunistischen Skeptizismus und die Hühner stehen für die dümmliche Verehrung eines Idols…
Außerdem geht es in „Chantecler“ um das Verhältnis von Kunst und Natur und die Erkenntnis, dass man leidet, wo man liebt“.
Kokorins moritatenhafte, psychologisch äußerst fein gearbeitete Inszenierung von Tschechows Erzählung über das Hündchen Kaschtanka hat uns so begeistert, dass wir ihn für den idealen Regisseur von „Chantecler“ halten. In „Kaschtanka“ hat Kokorin anrührende Tier/Menschfiguren entworfen, eine vergleichbare psychologische Typisierung ist für die Rollenfindung in „Chantecler“ gefordert. Ausserdem erinnert die Gleichzeitigkeit von Gesellschaftssatire und märchenhafter Fabel bei Rostand an die heitere Melancholie in manchen Erzählungen von Tschechow.
Auch verbindet uns mit Kokorin eine ähnliche Auffassung von Theater, eine solche Nähe haben wir mit deutschsprachigen Kindertheaterregisseuren kaum entdeckt: Auch Kokorin steht die schauspielerische Arbeit im Mittelpunkt, das Bühnenbild hat eine eher dienende Funktion, der psychologische Realismus in der Figurenzeichnung vermag eine Art Poesie zu schaffen, deren Ernsthaftigkeit für Inszenierungen im Kindertheatergenre die Ausnahme ist. Und nicht zuletzt scheint Kokorins zurückhaltender, aber sehr präsenter Umgang mit Musik ihn für die Arbeit an „Chantecler“ zu prädestinieren.
Regie:
Vyateslaw Kokorin
Musik:
Oleg Nehls
Musikarrangement:
Ingo Burghardt
Bühne:
Yuri Galperin
Kostüme:
Yuri Galperin
Margrit Schneider
Regieassistenz: Sonja Karadža
Technische Leitung:
Bernhard Ott
Bühnenbau:
Martin Baldenhofer
Technik:
Uwe Engler
Sound:
Ingo Burghard
Es spielen:
Daniela Mohr
Renate Obermaier, Kirsten Trustaedt
Nadine Werner
Sonja Karadža
Hubert Fehrenbacher
Dietmar Kohn
Christoph Müller
Heinzl Spagl
Rechte:
Theater Verlag Desch GmbH München
Premiere:
28. Mai 2005