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Besuch bei Katt und Fredda
von Ingeborg von Zadow

 
Votum der Auswahljury für das 
6. Deutsche Kinder- und Jugendtheatertreffen 
in Berlin 2001
                  Nicht zufällig ist das Theater im Marienbad aus Freiburg im Breisgau erneut nominiert für das
                  Berliner Festival des Kinder- und Jugendtheaters. Dieses Haus leistet sich einen besonderen
                  Umgang mit der Zeit für die Erarbeitung einer Produktion. Es verweigert sich dem Druck, den
                  Abonnements durch Neuproduktionen quantitativ gerecht zu werden. Dieses Haus schärft so
                  den Blick in das Innere eines Textes. Ingeborg von Zadows Text ist an so manchem Theater
                  gespielt worden. Die Freiburger Inszenierung ist ein besonderer Abend über das Leben, seine
                  Wunder und Wunden. Nach der Rückkehr von einer Reise mit "Mühen und Strapazen", "voller
                  Sehnsucht und Angst und den ganzen anderen Hindernissen" haben sich Katt und Fredda in
                  einem Heim eingerichtet. Hier herrscht perfekte Ordnung, hier fühlen sie sich wohl.
                  Entdeckungen aus dem Draußen teilen sie sich nun lieber aus Büchern und Gazetten mit. Sie
                  halten sich in ihrer Welt zusammen und gefangen. Soll man erneut einen Austritt in
                  Unbekanntes wagen? Doch bevor solch ein Wagnis im Kopf durchgespielt werden kann mit all
                  seinen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten, steht es als Miranda bereits in ihrer Tür. Das
                  Neue dringt in seinen Schönheiten, Widersprüchen und Verklemmungen ein. In seiner ganzen
                  Scheußlichkeit, weil es so schrecklich verwirrend für Katt und Fredda ist, daß sie sich selbst
                  nicht mehr kennen in ihrer Freude, ihrer Verletzbarkeit, ihrem Verrat; in seiner ganzen
                  Schönheit, weil es so kraftvoll und energiegeladen daherkommt. In ein Karussell der
                  Emotionen werden wir hineingeschleudert, das jenseits von Wehleidigkeit und Weltschmerz
                  zu einer Poesie der Widersprüche führt. Und ist überhaupt nicht alles bloß Spiel, wie so oft
                  in dieser Geschichte behauptet wird? Und ist es also deshalb nicht weniger gefährlich, sich
                  auf diese Reise ans neue Ufer zu begeben? Aber das Spiel wird ernst. Existenziell. Das
                  spüren alle. Dieter Kümmel inszeniert aus diesem Stück keine Alltagsgeschichte, sondern
                  behauptet sie in einer großen Kunsthaftigkeit. Die erlaubt es, den Schmerz ebenso wie die
                  Lust an den Widersprüchen erlebbar zu machen: wer muß den Raum verlassen, wird es ein
                  neues Paar geben, ist das Neue nicht immer aufregender als das Alte und mit einem
                  ungeheuren Energieschub verbunden? Auf einmal gibt es den Moment, da ein Leben zu dritt
                  möglich scheint. Auch diese Utopie dürfen wir leben sehen, bevor wir die Vergänglichkeit
                  dieser Sekunden eingestehen müssen, weil bei dreien immer eine hintenan steht und dieser
                  Haushalt von Katt und Fredda eben nur für zwei hergerichtet ist. Kein Problem, das läßt sich
                  lösen, es sind doch alles vernünftige Leute - all das könnte jetzt eingewendet werden. Aber
                  der Abend entläßt uns nicht in die romantische oder die aufgeklärte Sicht. Er thematisiert
                  eben jene Unmöglichkeit und erzählt konsequent die Auseinandersetzung um die
                  klein-kleinen Dinge, durch die sich die Figuren um eine andere Form von Sein bringen. Ein
                  60-minütiger Abend über die zwischenmenschlichen Höhen und Tiefen, der sie nicht
                  wegredet, sondern zuläßt und uns zum Aushalten zwingt. Besitzstandswahrung steht neben
                  Aufbruchsstimmung, Verführung neben Eifersucht, Intrige neben Ratlosigkeit, Liebe neben
                  Schmerz. Aber die Neue bleibt die Neue. Und die muß gehen. Am Schluß steht: ich war aber
                  da. Ein schöner Satz, ein großer Satz. Eine Begegnung mit Einschnitt für Katt und Fredda,
                  denn wird wirklich alles wieder so, wie es früher einmal war? Wir kennen die Antwort und
                  erleben sie an diesem Abend doch neu. Die Inszenierung setzt auf Reduktion und schafft
                  damit eine Überhöhung. Nur das findet sich auf der Bühne, was nötig schien, von den
                  Beziehungen der Figuren zueinander zu erzählen: zwei Stühle mit zwei Kissen darauf, zwei
                  Eierbecher als Abendbrotgedeck, das Buch, die Zeitung. Das Heim ist ein erhöhtes Podest.
                  Jeder Schritt hinunter ein Schritt in Unbekanntes, dessen Ende man noch nicht kennt und
                  das erst erkundet werden muß. Das setzt sich in der Spielweise fort. Die Konsequenz liegt in
                  der Präzision der gewählten Mittel. Daher müssen auch keine äußeren Anlässe erfunden
                  werden für diese Geschichte des Ausprobierens und Scheiterns. Es entsteht ein hoch
                  virtuoses Spiel von Daniela Mohr, Renate Obermaier und Kirsten Trustaedt. Wenn am Ende
                  ein fast opernhaftes Finale die Inszenierung beschließt, spulen sich im Kopf noch einmal die
                  Szenen und Sätze ab. Man mag nicht gleich aufräumen mit diesem Abend.

                  Karola Marsch