Der coolste Junge überhaupt
"Warum trägt John Lennon einen Rock?"
Plötzlich wieder auf diesen kleinen Holzstühlen zu hocken, an einem mit Macken und Kugelschreiber gezeichneten Tisch zu sitzen, graue Waschbetonwände im Rücken. Den leichten Geruch von Reinigungsmitteln in der Nase zu spüren und die große, grüne Tafel vor sich zu haben:
ein merkwürdiges Gefühl, nach so vielen Jahren wieder in einem Klassenzimmer zu sitzen. Gut, dass Nadine Werner auch da ist - denn sie liefert im Lauf dieses Premierenabends von Claire- Dowies Theaterstück "Warum trägt John Lennon einen Rock?" das passende Gefühl zur Schulatmosphäre.
Energiegeladen stürmt die in karierte Hosen und T-Shirt gekleidete Schauspielerin in das Klassenzimmer des Freiburger Rotteck-Gymnasiums, das für diesen Abend zur Außenspielstelle des Theaters im Marienbad wurde. Aus einer großen Tasche nimmt sie nacheinander die Requisiten, die sie für diesen Abend braucht: einen Kassettenrekorder, auf dem sie Beatles-Lieder abspielen wird, einen kurzen Faltenrock, einen gestreiften Schlips, ein rosa Mäppchen mit Schminkutensilien, einen Comic.
Und dann beginnt sie zu erzählen: Wie es war als 14-Jährige in der Schule, in der sie immer die Uniform tragen musste, obwohl sie sich in dem Rock einfach nicht wohl gefühlt hat. Einmal hat sie ihn in der Mitte zusammengenäht - aber das wurde sogleich verboten, denn jeder sollte auf den ersten Blick das Mädchen in ihr erkennen. Das Mädchen in ihr? Genau das kann der burschikose Teenager, der die Beatles liebt, Fußball spielt und "eine eigene Persönlichkeit sein will und kein plüschiges, rosafarbenes Mädchen" nicht sehen, nicht spüren. Die Jahre gehen ins Land - doch der Grundkonflikt, der Kampf um die eigene Identität, bleibt. Die Freundinnen tragen längst Nylonstrümpfe und hochhackige Schuhe, tragen Rouge auf, toupieren die Haare. Gemeinsam mit diesen Äußerlichkeiten wandelt sich das Verhältnis zwischen Jungs und Mädchen. Einzig die Protagonistin der britischen Dramatikerin Dowie verwandelt sich nicht so, wie Mädchen das gemeinhin tun. Sie macht Kompromisse, schon, baut sich ihre eigene Welt, beschließt aber immer wieder, ein Junge zu bleiben - und zwar der coolste Junge überhaupt: John Lennon eben.
Wie Nadine Werner den schwierigen Weg der Jugendlichen und jungen Frau zu sich selbst spielt, überzeugt rundum. Unter der feinen, differenzierten Personenregie von Stephan Weiland beherrscht sie alle Gefühlsfacetten - von burschikos bis empfindsam, von komisch bis tragisch, von energisch bis schüchtern. Das Publikum, das ihr räumlich so nah ist, nimmt sie jede Minute mit. Welche Wirkungen das hat, wird sich herausstellen, wenn das Stück tatsächlich vor Jugendlichen in Schulen gespielt wird. Das Theater im Marienbad weist darauf hin, dass es sich bei der Inszenierung um ein" work in progress" handelt. Für das Premierenpublikum ist dieser Prozess schon weit gediehen.
Badische Zeitung,
Donnerstag, 5. Juli 2007
Heidi Ossenberg