Presse

Ingeborg Pietsch, THEATER DER ZEIT, April 2000
Marion Benz, DREILAND-ZEITUNG vom 16.01.1999
Manfred Jahnke, STUTTGARTER ZEITUNG vom 28.01.1999

Sonne und Mond, Puppen und Menschen, Commedia dell' arte, Volkstheater, große Oper, Blues und Tango, Gesang und Dialog - es ist eine wundervolle, eine chaotische, lyrische, dramatische und zärtliche Welt, die das Freiburger "Theater im Marienbad" mit "Perô oder die Geheimnisse der Nacht" auf die Bühne gebracht hat (Puppenspiel/Beratung durch Anne Frank und Christoph Werner). Nach einer Erzählung von Michel Tournier hat Guus Ponsioen diese Geschichte geschrieben und komponiert, und Dieter Kümmel als Regisseur hat die Herausforderung angenommen. Perô und Colombina sind Puppen - mit dunklem Lockenkopf und melancholischer Miene er, mit roter wilder Mähne und neugierigem Ausdruck sie. Pero liebt Colombina. Aber er kann sie trotz seiner vielen sehnsuchtsvollen Briefe nicht erreichen, denn er als Bäcker arbeitet nachts, und Colombina, die Wäscherin, ist am Tag beschäftigt. Als Palentino unverhofft ins Dorf einzieht, ein Harlekin, bunt und als Maler tätig, verliebt sich Colombina unsterblich und zieht mit ihm. Perô schließt aus Liebeskummer die' Bäckerei... Doch als im Herbst die bunten Blätter fallen, Schnee rieselt und die Welt weiß wird, sehnt sich die Treulose zurück zu ihrem weißen Pero.  Eine Liebesgeschichte mit all ihrem Schmerz, ihrer Heiterkeit und Schönheit. Eine Liebesgeschichte am Himmel wie auf Erden. Denn, wenn auch streitbar, lieben sich Sonne und Mond, sind ihre Nähe und ihr Entfernt-Sein voneinander im Dämmerlicht von Morgen und Abend das kosmische Pendant zu dem Liebespaar auf der Erde.. Eine magische Welt auf der Bühne entsteht: die Puppen "leben". Kirsten Trustaedt spielt nicht nur mit der Colombina, sie teilt ihr Schicksal, sie distanziert sich auch mal von ihr, leidet und freut sich mit der  Puppe - wie Christoph Müller mit seinem Perô und Dietmar Kohn mit dem Harlekin. Die Nähe zu den Puppen,. häufig auf den Knien der Spieler, hat auch immer etwas Besorgtes, und oft scheint es (gerade bei der Colombina), als frage sie die Schauspielerin um Rat. Wenn die Puppen, vom Boden hochgehoben, mal eben durch den Raum "fliegen", werden sie ganz und gar als Material kenntlich; in spielerischer Aktion wächst ihnen gleichsam eine Seele zu. Unterm gelben Sonnenschirm agiert und singt Dorothee Maly als Sonne; Hubertus Fehrenbacher als draufgängerischer Mond übernimmt spielend und singend den Gegenpart.  Ein riesiger Mond am Horizont taucht die Nacht in Blau. Und das Wiederfinden der Liebenden endet im Tumult einer Mehlschlacht. Chaos und Ordnung, Licht und Dunkelheit verbinden sich zu einer Einheit in einer der schönsten Inszenierungen, die derzeit im Kindertheater zu sehen sind. 

Ingeborg Pietsch,  THEATER DER ZEIT, April 2000

 

Wo Sonne und Mond verliebt sind

Die Geschichte "Perô oder die Geheimnisse der Nacht" erinnert an "Titanic", "Vom Winde verweht" oder an "Carmen" - an Tausende von Filmkilometern, Textpartituren mit dem klassischen Thema "Liebe", und Dreiecksbeziehungen im besonderen. So hat sich nun das Kinder- und Jugendtheater im Marienbad seine Inszenierung - wohl eine der schönsten - geschaffen. In dem kleinen italienischen Dorf Fanghetto gibt es eines Morgens keine Brötchen mehr. An der Eingangstür hängt ein Schild: "Wegen Liebeskummer geschlossen". Perô, der Bäcker, ist todunglücklich. Seine Columbina ist mit dem vagabundierenden Künstler Palentino durchgebrannt. Betört von den Farben, hat sie alles hinter sich gelassen. Ihre Weißwäscherei, Freunde, und vor allem den, den sie schon als Kind liebte. Zu dunkel war ihr die Nacht, in der er stets arbeiten mußte. Sie war ein Sonnenkind, liebte das Weiß über alles. Und dann dieser bunte Traum! Als aber der Winter naht und die ersten weißen Schneeflocken fallen, wird ihr klar, was ihr fehlte.  Verzaubert von der Musik Guus Ponsioens, der bereits das Kultstück "Parzival" zum Klangerlebnis werden ließ, wartet man gespannt auf das Happy End. Vergeblich. Wie bei Voraufführungen im Marienbad üblich, wird mit dem Publikum darüber diskutiert. Jede Szene, jeder Dialog wird erarbeitet. Denn ein "gutes Stück braucht viel Zeit", so die Devise Dieter Kümmels, dessen Inszenierungen stets das Außergewöhnliche suchen. So auch diesmal: Für die Umsetzung von Michel Tourniers Erzählung hat Kümmel ein Meter große, ausdrucksstarke Handpuppen als Protagonisten gewählt. Die Puppenspieler sind jedoch nicht schwarz angezogen. Mal verkörpern sie ihre Puppen, mal hauchen sie ihnen verdeckt Leben ein. Übertragen wird der innere Kampf Columbinas auf die unvereinbaren Gegensätze zwischen Sonne und Mond, zwischen Licht und Dunkel. Personifiziert in glänzender Robe strahlt die Sonne über den Mond. Eine Annäherung scheint unmöglich.  Werden sich Columbina und Perô doch wiederfinden? Nur so viel vor der Premiere: "Perô oder die Geheimnisse der Nacht" ist eine der schönsten und tiefgründigsten Inszenierungen einer Liebesgeschichte seit der Fortschreibung dieses uralten Motivs der Commedia dell'arte. Nicht nur für Kinder. 

Marion Benz, DREILAND-ZEITUNG vom 16.01.1999

Liebe in einer magischen Welt

Das Freiburger Theater im Marienbad zeigt "Perô oder die Geheimnisse der Nacht"  Was entsteht, wenn Sonne und Mond sich küssen? Die Sterne! In diese kosmologische Dimension eingebunden ist die Geschichte von Perô, dem Bäcker, und Columbina, der Weißwäscherin, die zueinander nicht kommen können, weil der eine nachts, die andere tagsüber arbeiten muß. Aber mehr noch graut Columbina vor der Nacht, die für sie schwarz, für Perô aber blau ist. Es kommt, wie's kommen muß: Der Maler Palentino taucht auf und nimmt Columbina mit, die einen wunderbaren Sommer mit ihm verbringt. Aber als im Winter der Schnee fällt, erinnert sie sich an Perô und kehrt zurück. Und wenn sie nicht gestorben sind...  "Perô oder die Geheimnisse der Nacht" heißt diese zauberhafte Liebesgeschichte des Romanciers Michel Tournier, die der Holländer Guus Ponsioen fŸr das Theater bearbeitet hat. So wie in der Erzählung die Liebe eingebunden wird in die Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter, arbeitet auch Ponsioen die mythischen Dimensionen heraus, das Einssein von Natur und Mensch. Auch wenn aus "Pierrot" ein "Perô" wird, erinnert das Stück doch an die Tradition der "commedia". Aber Ponsioen geht einen Schritt weiter, er schreibt nicht nur ein kleines Musical, sondern strebt eine Durchmischung von Schauspiel, Musik und Figurentheater an: Columbina und Perô sind Puppen, die von Schauspielern geführt werden, die zugleich in anderen Rollen agieren. Eine Ebene darüber entwickeln Sonne und Mond ihre eigene Liebesgeschichte und kommentieren so das "Ewige" an der Beziehung zwischen Columbina und Perô. Ein solches Gesamtkunstwerk ist eine Herausforderung für jedes Ensemble. Das Freiburger Theater im Marienbad mit Dieter Kümmel hat sie angenommen. Weil das Puppenspiel für dieses Ensemble Neuland ist, hat man sich der Mitarbeit vieler Fachleute versichert. Anne Frank und Christoph Werner vom Puppentheater Halle - "Kannst du pfeiffen, Johanna?" auf dem Stuttgarter Festival ist unvergessen - haben die Freiburger beraten, Susanne Waechter hat die Puppen gebaut, Nicola Sczerputowski hat deren Köpfe gestaltet.  Kirsten Truestaedt als Frau und Führerin der Columbina, Christoph Müller als Mann und Perô sowie Dietmar Kohn als Mann und Führer der Puppe des Palentino lösen ihre Aufgabe mit Bravour. Es gelingt ihnen, ihre Puppen zu beseelen und zugleich als Schauspieler präsent zu sein. Auch Hubertus Fehrenbacher als Mond und die Sängerin Dorothee Maly meistern die schwierigen musikalischen Parts an ihren Instrumenten und mit ihren Stimmen, für die Ponsioen eine luzide Musik zwischen Opernarie und Blues geschaffen hat. Auf der Bühne mit nur wenigen Requisiten hat Kümmel eine Traumwelt geschaffen mit vielen szenischen Details. Es fällt am Ende schwer, diese magische Welt wieder zu verlassen, die Erwachsene und Kinder gleichermaßen bezaubert. Wenn bisher die Figurenspieler ins Schauspiel drängten, so ist es hier umgekehrt: Schauspieler entdecken die Möglichkeiten der Puppe - und gehen etwas anders mit ihnen um als im Figurentheater. Das Freiburger Ensemble hat abermals seine Souveränität bewiesen. Man wird von dieser Arbeit noch hören und sehen.   

Manfred Jahnke, STUTTGARTER ZEITUNG vom 28.01.1999