Freiburger Kinder- und Jugendtheater spielt im Stuutgarter Kammertheater
"Parzival" von Tankred Dorst
"Mutter, ich habe Engel gesehen," berichtet der törichte Knabe, der abseits menschlicher Gesellschaft im Wald heranwuchs, von seiner ersten Begegnung mit Reitern in glänzenden Rüstungen. Wenn der Dramatiker Tankred Dorst sein Verhältnis zum "reinen Toren" Parzival beschreibt, hört man das Bedauern über den Verlust der eigenen Unbekümmertheit heraus: "Parzival war der Ritter, der mir voraus und manchmal neben mir her ritt... Wie er wollte ich mich absondern... Ich verachtete die Gesellschaft."
Als Gastspiel des renommierten Kinder- und Jugendtheaters aus dem Freiburger Marienbad ist Dorsts "Parzival" im Stuttgarter Kammertheater zu sehen. Mit den landläufigen Vorstellungen von Kindertheater hat Dieter Kümmels Regiearbeit wenig zu tun: Diese Inszenierung ist - für alle, denen solche Kategorisierungen wichtig sind - auch Theater für Erwachsene.
Nach langen Jahren der Beschäftigung mit dem Artus-Mythos muß Dorst der naive Held fremd geworden sein. Zwar blieb die Faszination des Stoffes, doch jede neue Erkenntnis trieb ihn weiter in die Arme des geheimnisvollen Fädenziehers: 1981 schrieb er das Stück "Merlin oder das wüste Land".
Dann, angeregt durch ein Projekt mit Robert Wilson, entstand der "Parzival". Er sei nicht von ihm losgekommen, schreibt Dorst, auch wenn die Sehnsucht, in die "Wildnis der unbeschwerten Jugend" zurückzukehren, unbefriedigt bleiben müsse. Die Verehrung für den Ritter aus der Jugend hat erst der Enttäuschung, dann der Verwunderung Platz gemacht. Das Faszinierende an der Figur des Parzival ist das fehlende Verhältnis zu gesellschaftlichen und moralischen Normen. Der ungestüme, dem der Stempel menschlicher Gesellschaften nicht früh genug aufgedrückt wurde, provoziert wieder und wieder die Frage nach Aktualität und Notwendigkeit von Moralvorstellungen.
Muß Parzival, mühsam in eine Rüstung aus sozialen Verhaltensweisen gezwängt, unabwendbar versagen? Das Bild seiner Suche nach dem heiligen Gral beschreibt eine Problematik, für welche die Entstehungszeit des Stoffes noch keine Begriffe hatte: Das Ich ringt mit einem bestürzend autarken Selbst ums Überleben.
Dorst übernimmt die Merlin- Rolle und variiert das literarische Motiv des Knaben, der die Mutter und die Isolation flieht, um an die runde Tafel des sagenhaften Königs zu gelangen, indem er seinen Parzival aus dem frühen Mittelalter entführt, ihn mit all den im Namen zweifelhafter Erlösungsversprechen begangenen Verbrechen konfrontiert und bis in unsere Gegenwart geleitet und ihn zum Mörder und Zerstörer im Namen der Wahrheit werden läßt. Mit der Übertragung der Problematik auf andere Zeiten und Umstände macht Dorst deutlich, daß es ihm weniger um die abgehobene Thematik der Erlösung des Menschen vom Menschen geht als um ebenso aktuelle wie greifbare Fragen wie "Wozu führt die Nicht-Erziehung?" oder "Wie verhält sich ein Mensch, der nicht zwischen richtig und falsch zu unterscheiden weiß?"
Dieser "Parzival" ist weniger ein Stück im herkömmlichen Sinn als ein reichhaltiges Angebot szenischer Möglichkeiten. Die Freiburger Truppe nutzt diese Möglichkeiten für den Entwurf eines großen, magischen Welttheaters. In einer mit feinem Sand gefüllten Zirkusmanege, die nach Bedarf im Handumdrehen mit einer Zeltkuppel zu überwölben ist, erarbeiten Dieter Kümmel, Guus Ponsioen (Musik), Roland Söderberg (Bühne und Kostüme) und das aus zehn Darstellern, zwei Sängern und fünf Musikern bestehende Ensemble unzählige Interpretationsansätze.
Könige schreiten über Zugbrücken in die Arena, Ritter liefern sich unnütze und blutige Gefechte; ein Schulmädchen vom Planeten Delta will die Welt retten, und ein Mensch gelangt zu der Erkenntnis, daß er, der "Abschüssigkeit" seines Körpers zum Trotz, Platz für 49 Hühner bietet. Spartenübergreifend findet man Elemente von Oper und Ballett, von Figuren- und Notheater. Wenn schließlich der Experimentierer Merlin das Publikum mit seinen existentialistischen Ideen verwirrt und zum Nachdenken genötigt hat, dann sind wir am Ende einer dreistündigen Reise angelangt, die in einer fremden Vergangenheit begonnen und jeden zu einer Begegnung mit sich selbst geführt hat.
Hartmut Zebb
STUTTGARTER NACHRICHTEN
vom 10.04.1997