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Die Geschichte vom Onkelchen

von Lars-Eric Brossner und Thomas von Brömmsen
aus dem Schwedischen von Günter Bergfeld



Kathrin Kramer,
BADISCHE ZEITUNG

Lieder ohne Worte in Dur und moll
"Die Geschichte vom Onkelchen" des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters

Der eine hat einen dunklen Anzug und eine Weste dazu, einen Mantel für den Winter, eine Jacke für den Sommer und einen Hut. Er weiß eine Tasse heißen Kaffee zu schätzen und schmaucht gern eine gute Zigarre. Er ist ein Genießer, eigentlich, und ein Onkel, wie er im Buche steht.

Der andere trägt Trainingshosen und Turnschuhe, einen braunen Trenchcoat darüber und eine Schlägermütze. Wenn er ißt, ißt er hastig, wenn er geht, geht er schnell. Am liebsten frißt er und läuft. Manchmal kratzt er sich hinter dem Ohr. Seine Augen hat er überall, mit der Nase ist er immer voraus. Manchmal läßt er die Zunge hängen. Er ist ein Ganove, eigentlich, und ein Hund, wie er im Buche steht. Zusammen aber ergeben die beiden ein Paar.

Mal wieder. Wie "Kiebich und Dutz", wie "Max" und die Putzfrau Kokakola erzählt auch das neue Stück des Freiburger Kinder und Jugendtheaters, die "Geschichte vom Onkelchen" nach einer Textvorlage von Thomas von Brömssen und Lars- Erik Brossner, die Liebesgeschichte eines seltsamen Paares. Das inzwischen bewährte Gespann: Beatrix von Malchus (seit Oktober 1990 umbesetzt mit Horst Geßner; Anmerkung der Redaktion) , kaum wiederzuerkennen als chaplineskes Onkelchen, und Hubertus Fehrenbacher, unverkennbar als quirliger Hund. Von ihnen hing das Gelingen der Inszenierung von Dieter Kümmel ab, die in der Freiburger Alten Uni Premiere hatte, und, das Vorneweg, sie gelang: bestechend lustig, bedrückend traurig, überzeugend innig.

Die Handlung ist kurz. Kleiner Onkel fühlt sich allein, sucht einen Freund, findet den Hund. Frühling, Sommer, Herbst und Winter verbringen sie zusammen, lernen einander kennen. Donnerstags essen sie Erbsen mit Speck. Bis das Mädchen auftaucht, den Hund zu verführen, der Onkel weint, der Hund fiebert, der Onkel zurückkehrt. Fortan sind sie zu dritt.

Kaum der Rede wert. Und so macht das Kinder- und Jugendtheater nur wenig Worte, eine Geschichte zu erzählen, sondern spielt. Erzählt keine Geschichte, sondern eine Liebe, spielt so intensiv mit einfachsten Mitteln (Mienen, Gesten, Instrumenten), daß man die Sprache zu vermissen vergißt. Lieder ohne Worte. So wird aus dem, wie man sagt, allgemein- menschlichen Stoff, ein Gegenentwurf zur Überschwemmung mit Wort- und Tonkaskaden aus Funk und Fernsehen und Kaufhaus- Lautsprechern.

Der Onkel, als er seine Suchanzeige nach einem Freund, den vier Streichern, die das Spielfeld begrenzen, in die Instrumente diktiert hat, sitzt auf seinen drei Stufen - sie enthalten alles, was er braucht, Schlafkoje und Kochgerät, Zigarrenschachtel und Kalender - und wartet. Beatrix von Malchus wird zum Inbild des Wartens, erst neugierig erregt, dann zweifelnd verzweifelnd, verschiebt sich ihr Gesicht von kugelrunder Vorfreude in dreieckige Enttäuschung. Die Musiker spielen das traurige Leitmotiv des Onkels, und die Erzählerin (Petra Gack, später auch das Mädchen) faßt zusammen: "Auf der ganzen Erde war nicht Platz genug für seine Sehnsucht". Von solchen Momenten in moll lebt die Figur des Onkels. Hubertus Fehrenbacher dagegen, ein Jongleur der Grimassen, spielt in Dur. Wendig in den Bewegungen, blitzschnell im Wechsel des Mienenspiels, aber eindeutig in seinen Stimmungen. Er spielt keinen Hund, sondern ist Halbstarker mit hündischen Zügen, Hund mit halbstarken Allüren. Das Kinder- und Jugendtheater hat sich vom bloß Kindgerechten emanzipiert. Denn wo so präzise und eindringlich gespielt wird wie hier, verspricht der Programmzettel nicht umsonst "für Kinder ab fünf Jahren und Erwachsene".


Peter Winterling,
BADISCHE ZEITUNG vom 09.06.1998

Wiedergesehen: "Die Geschichte vom Onkelchen"
Theater der Gefühle

Er ist liebenswert, doch einen Freund hat er nicht. Er grüßt höflich die Passanten, doch keiner bleibt stehen. Seine Junggesellenwohnung enthält in kofferartigen Schubladen den ganzen kleinen Haushalt, und in seiner Anzugtasche hält er Stumpenzigarren bereit, die er leider alleine rauchen muß. Bis ein vierbeiniger Freund sich einstellt....

"Die Geschichte vom Onkelchen" von Tomas von Brömssen und Lars-Eric Brossner nach dem Kinderbuch von Barbro Lindgren-Enskog hatte vor genau zehn Jahren im Freiburger "Theater im Marienbad" Premiere, und die Jubiläumsvorstellung war genau die 319. Aufführung des Kinder- und Jugendtheaters. Sie ist noch keineswegs die letzte. Auf die "einfache, an die Gefühle appellierende Geschichte" führt Spielleiter Dieter Kümmel den großen Erfolg zurück. Ihre Themen sind das Alleinsein, die Suche nach Begegnung und Verstehen, und es finden sich im pantomimischen Spiel sowie in dem Ausdruck von Bernhard Bentgens Bühnenmusik für Streichquartett und Sopranblockflöte die großen elementaren Gefühle: Sehnsucht, Glückserfüllung, Eifersucht, Trauer, Sorge, Zärtlichkeit.

Horst Gessner spielt einen kleinen, einsamen Onkel mit einer schönen, nie zu sehr ins Clowneske übertriebenen Mimik. Seine kurzen Schritte, das angestrengte Spähen, der Kummer über das vergebliche Hoffen gehören vielleicht zum Besten dieser fünf Viertelstunden, wenn auch das Erscheinen des Hundes (Hubertus Fehrenbacher), dessen Schnüffeln und listiges Erkunden erst die Gelegenheit für ein paar besonders lebendige Spielszenen bringen: für eine Partie Pingpong mit Kellnertablett und Bratpfanne etwa, einen Frühlingsspaziergang, eine gemeinsame Heimkehr im sommerlichen Gewittersturm. Manche Kunstgriffe der Stummfilmtechnik wurden da für den transportablen Bühnenaufbau ausgewertet und eingearbeitet, auch sehr vergnügte Slapstick- Elemente finden sich, die aber nie in bloße Effekthascherei abrutschen.

"Die Geschichte vom Onkelchen" bietet eine Art elementares Theater der kleinen Handlungselemente und der großen Gefühle, weitab von den großen Kultur- Events, von denen sich Regisseur Dieter Kümmel mit Nachdruck distanziert. Gemeinsam mit anderen freien Theatergruppen Baden-Württembergs sieht er die Gefahr, daß die Landeszuschüsse gerade für die großen "repräsentativen" Spektakel reserviert werden, daß außerdem das ins Kraut schießende Kultursponsoring immer neue, kommerziell motivierte Abhängigkeiten unter den freien Künstlern schafft. Für das Kinder- und Jugendtheater mit seinen zwölf Mitarbeitern hält er die Unabhängigkeit von Unternehmern aus pädagogischer Verantwortung geboten. Andererseits weiß er auch, daß die Stadt Freiburg für "ihr" Kinder- und Jugendtheater einsteht - nicht zuletzt wegen der schönen Erfolge und der Repräsentanz für die Stadt, die sich nach Gastspielen im In- und Ausland in einem geradezu überschwenglichen Presseecho dokumentiert. "Die Geschichte vom Onkelchen" ist also noch lange nicht zu Ende erzählt.