Käthi
B.
von
Beat Fäh
Freiburger Fassung von Dieter Kümmel, Stephan Weiland
DAM Kultur
Joker vom 03.03.1994
Das vergessene Kind
"Käthi B." im Kinder- und Jugendtheater
Die Mißachtung
kindlicher Bedürfnisse in einer ausschließlich nach Funktionsprinzipien
geordneten Erwachsenenwelt greift das Freiburger Kinder- und Jugendtheater
in seiner neuen Produktion auf. Das Stück "Käthi B." stammt
aus der Feder von Beat Fäh, der seit vergangenem Sommer als
Oberspielleiter an den Städtischen Bühnen arbeitet. Bereits
vor einigen Jahren hatte das Freiburger Kinder- und Jugendtheater
mit "Max" ein Stück von Beat Fäh gespielt.
Ein Mädchen sitzt
im Dunkeln und singt: "Danke, für dieses gute Essen, danke,
für diesen schönen Tag..." Das Volkslied klingt bei Käthi
wie Hohn. Das Mädchen ist einsam, wird von den Eltern vernachlässigt,
ihr einziger Fluchtpunkt ist ein dunkler Keller, in dem es mit sich
und seinen Träumen allein bleibt. Wofür sollte dieses
Kind dankbar sein?
Das eindrucksvolle
Stimmungsbild, mit dem Dieter Kümmel seine Inszenierung beginnen
läßt, gibt die Tonart für die Partitur des gesamten
Stückes vor. Weniger die Geschichte steht im Vordergrund, als
vielmehr ein genaues Reflektieren von Situationen, verborgenen Träumen
und psychischen Verletzungen. Die eigentliche Handlung läßt
sich in einem Satz zusammenfassen: Der Kellner Schäfer, der
Käthi zufällig in ihrem verlassenen Keller entdeckt, wird
von dem Mädchen gezwungen, ihr für kurze Zeit Gesellschaft
zu leisten.
"Was ist eigentlich
passiert"?, fragt sich Schäfer immer wieder. Vordergründig
nicht viel, aber zwischen den Zeilen des Textes offenbaren sich
Szenen einer Kindheit, die längst zum Alptraum wurde.Käthi
wirkt scheu, mißtrauisch, ja verbockt. Als der ratlose Kellner
wieder gehen, achselzuckend das Kind sich selbst überlassen
will, greift Käthi zur eiskalt berechnenden Strategie der Erwachsenenwelt.
Sie droht, ihn anzuzeigen, weil er ein Messer eingesteckt, weil
er sie angeblich angefaßt hat. Käthis Wunsch nach Nähe
verkümmert zum Geschäft: Stillschweigen gegen Mitspielen.
Ein Handel, der auch Käthi auf Dauer nicht befriedigt, Erwachsene
mögen sich ihre Träume erkaufen können, für
Kinderseelen taugen derartige Scheingeschäfte wenig.
Das Kellerkind erlebt
einen weiteren Tiefpunkt: Käthi probt den Selbstmord, aber
selbst das will nicht gelingen. Am Ende doch noch ein Hoffnungsschimmer:
Der Kellner kehrt zurück, offenbar von schlechtem Gewissen
getrieben. In Bildern von einer Pinguinkolonie, die sich Käthi
zuvor angeschaut und darin ein fernes Idyll beschworen hatte ("Pinguineltern
lassen ihre Kinder nie allein") entdeckt Schäfer für sich
Urlaubserinnerungen an einen Kellner-Ausflug. Immerhin: ein Lachen,
eine menschliche Regung in der Trübnis.
Das Freiburger Kinder-
und Jugendtheater setzt mit dieser Inszenierung einen bewußten
Gegenpol zur heute alltäglichen Bilderflut der Videos und Computerspiele.
Die Schauspieler Kirsten Truestaedt und Heinzl Spagl bieten mit
ihren so sorgfältig ausdifferenzierten Rollen nicht nur jugendlichem
Publikum eine ganze Fülle von Einsichten in verborgene und
verdrängte Innenwelten. Nur genau hinhören und zuschauen,
das müssen die Besucher schon selbst. Wer diese Fähigkeiten
beim Umgang mit Fernsehen und elektronischen Firlefanz schon verloren
hat, kann im Kinder- und Jugendtheater wieder etwas davon lernen.

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