Presse:

Im Versuchslabor

Ein „Sehhörspiel“ im Freiburger Theater im Marienbad: Horváths „Jugend ohne Gott“


Es ist Ödön von Horváths berühmtester Roman. „Jugend ohne Gott“ wurde 1937, ein Jahr vor seinem theatralischen Zufallstod in Paris, im Exil geschrieben. Er ist mit seiner eigenwilligen Sprache und Kürze ein Standardwerk der Schulliteratur geworden, ein Krimi, gleichzeitig visionär und widersprüchlich. Wer ist der 34-jährige Lehrer, der – seines Berufs überdrüssig – heimlich Tagebücher liest, fremde Liebesspiele wollüstig beobachtet und seinen kraftlosen Versuch, Schülern in der Nazizeit eine Idee von Moral mitzugeben, gleich wieder aufgibt? „Jugend ohne Gott“ – ein religiöses Buch? Die Wendung zu Gott ist Horváth als „Regression“ zum Vorwurf gemacht worden: als Ausweichen vor politischem Engagement. Ambivalent ist auch, dass Horváth das christliche Symbol des Fischs in ein Synonym für das Nazi-Regime, Brutalität und kalte Mordlust verwandelt. War Horvath doch Religionskritiker? Wer ist der Gott, der der Jugend fehlt?

Ein echtes Experiment, den Roman auf die Bühne zu bringen und ein „Sehhörspiel“ zu proklamieren. Stephan Weiland hat eine behutsame Textfassung geschrieben, die möglichst viel vom Originalroman bewahrt. Die Bühne von Martin Baldenhofer im Freiburger Theater im Marienbad ist also ein Studio: drei kühle, weiße Wohnungs-Kabinen mit Mikrofonen, die Tonmeister Ingo Burghardt und Matthias Mohr sitzen mit Reglepulten und Geräusch-Instrumenten an den Seiten. Der Lehrer ist in äußere Erscheinung und innere Stimme aufgeteilt, beide im Anzug. Christoph Müller spielt einen sachlich Verklemmten, der manchmal von heimlicher Lüsternheit überfallen wird; mit Lippenstift malt ihm die Hure (Daniela Moor) ein Hakenkreuz auf den kahlen Schädel. Kirsten Trustaedt ist ein zweifelndes, sanftes Alter Ego, beide sind so verbunden, dass sie sich gleichzeitig Zigaretten anzünden.

Hörspielgeräusche ersetzen die der Schauspieler

Die Geschichte wächst aus dem kahlen Raum, manchmal scheint sie nur im Kopf des Lehrers stattzufinden – dann wieder werden die Zuschauer so weit hineingezogen, dass sie sich in eingeschüchterte Schüler verwandeln: Selbst ihr Abendprogramm ist ein Aufsatzheft. Kleine Einfälle unterlaufen die Laboratmosphäre: In einer Schublade führen die Briefe der Eltern an ihren Lehrersohn ein stimmenverwirrtes Eigenleben. Hörspielgeräusche ersetzen die der Schauspieler: Selbst das Gluckern des Alkohols und ihre Schritte sind vom Tonmeister geschaffen. Eine verblüffende Idee, die manchmal aber auch zu penetrant das Geschehen illustriert. Dann wieder wird Bebilderung entschieden verweigert, die erste Begegnung von Eva und Schüler Z im Zeltlager oder den Mord an N erfahren wir nur aus karger Mauerschau-Perspektive. Wie sehr wünscht man sich den Blick auf Gesichter zurück, die oft hinter Jalousien oder Mikrofon-Windschutz verschwinden. Die Liebenden Eva und Z (hervorragend: Nadine Werner und Martin Klaus) sehen sich fast nie an. Vor Gericht erst gibt das arme Mädchen zu, dass sie ihn nie geliebt hat – die Stille danach öffnet gedankliche Abgründe, konfrontiert den Zuschauer mit eigenen Moralvorstellungen – ein atemberaubender Moment.

Regisseur Dieter Kümmel hat ein Wahrnehmungsexperiment gewagt, das in einer Kombination aus Radio, Video und Bühne Räume im Kopf öffnet. Das geht nicht immer auf, ist manchmal anstrengend. Aber dennoch ist es ein erstaunlicher theatralischer Vorgang, vom konzentrierten Hören zurück in die Illusionsmechanismen des Theaters geworfen zu werden. Wenn die Fernsehreporterin auf Video sensationsheischend vom Gerichtsprozess gegen den Mörder des Schülers N berichtet, merkt man, dass man auch heute vor Gesinnungsterror nicht sicher ist und unsere Meinungen von anderen gemacht sind. Der Gott, den Horváth vermisste – man könnte ihn vielleicht doch mit „innerer Kraft“ übersetzen.

Dorothea Marcus

Badische Zeitung vom Montag, 24. Oktober 2005