"schmackel bunz oder der gelbe hund" heißt das neue Stück des Kinder- und Jugendtheaters in Freiburgs Theater im Marienbad. Auf den gelben Hund muß man lange warten. Aber schließlich rollt er tatsächlich auf vier Holzrädchen über die Bühne, wedelt heftig mit dem Schwanz und klappt das Maul auf und zu. Die Schnüre, an denen er hängt, erkennt man nur auf den vorderen Bankreihen. Und bevor das Stück ganz aus ist, sagt dieser Hund noch schnell das allerberühmteste Gedicht von Ernst Jandl auf: das von Ottos Mops, der hopst und trotzt und kotzt. Ogottogott, sagt Otto bloß.
Vor vierzig Jahren, als der Dichter aus Wien noch nicht so berühmt war, fanden viele Eltern und Lehrer Jandls Texte überhaupt nicht schön. Sie fürchteten schlechte Einflüsse auf Heranwachsende. Ein Jahrzehnt später wurde die Jandl- Schallplatte "Laut und Luise" ein kleiner Hit, weil viele Kinder die waghalsigen Sprach- und Sprechspiele für sich entdeckt hatten und auch ihre "Erziehungsberechtigten" dafür begeistern konnten. Und seitdem mögen eigentlich alle den Jandl, groß und klein, Clowns und Wortklangforscher, Jazzmusiker und Theaterleute.
Mittlerweile gilt Ernst Jandl sogar als pädagogisch wertvoll - weil er ein Sprachzauberer sei in Zeiten, da alle nur noch "geil" und "ätzend" sagen und "Wir alle von Sprachverarmung und Sprachlosigkeit bedroht werden". So jedenfalls steht es im Programmheft zu "schmackel bunz". Dieses von Gotthard Kuppel aus lauter Jandl-Gedichten zusammengebaute Stück ist für zwei Schauspieler und einen Stoffhund angelegt, dauert gut eine Stunde und wird "für Kinder und Erwachsene ab zehn Jahren" empfohlen.
Es geht hinunter in den Keller. Dort, im ehemaligen Kesselraum des Marienbads, hat Irene Uredat eine Guckkastenbühne aus nichts als blitzblankblauen Kachelwänden eingerichtet. Man hört Wasser plätschern. Im Innern des Guckkastens führt eine ebenfalls blaugekachelte Rampe schräg von links oben nach rechts unten, und in der Rückwand gibt es Kachelnischen zum Sitzen.
Hier lernen sich zwei einsame Menschen auf zunächst ganz sprachlose Weise kennen: die Frau (Renate Obermaier) mit den fünf Handtaschen und der Mann (Heinzl Spagl) mit seinem etwas komischen Hut. Später, als die beiden sich schüchtern näher kommen, purzeln sie tolpatschig übereinander, und plötzlich trägt der Mann die fünf Taschen in der Hand und die Frau den Hut auf dem Kopf. Diese Slapstick- Einlage ist prima gespielt, mit genauem Zeitgefühl für den komisch-schnellen Ablauf. Durch ihren körperlichen Witz ragt sie aus einer Aufführung heraus, die mit einer ungewöhnlichen Vorgabe zurecht kommen muß: Wenn Mann und Frau sprechen, dann ausschließlich in Gedichten, die eben nicht fürs Theater geschrieben wurden.
Jedes einzelne Gedicht soll in seiner Eigenheit erhalten bleiben, deshalb ist die Spielhandlung betont schlicht gehalten. Mann und Frau lieben, streiten und versöhnen sich. Oft gelingt es den Darstellern dabei, durch einen scheuen Blick oder eine absonderliche Geste eine richtige kleine Geschichte über Verklemmtheiten, zarte Gefühle oder enttäuschte Hoffnungen zu erzählen. Ebenso oft jedoch leidet die Aufführung an einer Gleichförmigkeit, bei der das Theaterelement gegenüber den Texten ein bißchen zu schwach wegkommt. Aus den Gedichten selbst spricht allerdings die noch immer unberechenbare Bandbreite von Jandls Poesie.
Die dadaistischen Wortspielereien und klangmalenden Lautverschiebungen sind ebenso vertreten wie hintersinnige Traumerzählungen oder Nonsens der abgründigen Art. Gotthard Kuppel, der auch Regie führt, hat die Texte denkbar geschickt am roten Faden seiner "kargen Geschichte" aufgereiht. Für alle, die - schon oder noch - mit Sprache jenseits des Brabbelstadiums spielen können, geht diese Aufführung bestimmt zu Hause weiter. Übrigens: "Kurts Uhu gurrt" ist bereits als kindgemachter Fünfzehnzeiler vergeben, und "Ruths Kuh muht" hat sich ein Zehnjähriger auch schon zweistrophig anverjandlt.
