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Das besondere Leben der Hilletje Jans

von Ad de Bont und Allan Zipson, Musik von Guus Ponsioen
aus dem Niederländischen von Dagmar Schmidt und Wolfgang Wysocki


Manfred Jahnke,
STUTTGARTER ZEITUNG vom 14.03.1992 

Ausgeklügelt bis ins Detail
Am Freiburger Jugendtheater: "Das besondere Leben der Hilletje Jans"

Was die Geschichte eines Waisenmädchens, das in den Niederlanden des 18. Jahrhunderts in Männerkleidern zum legendären Kapitän aufsteigt ( und zwangsläufig auch wieder fallen muß), heutigen Kindern interessant macht - diese Frage kann der Autor Ad de Bont in seinem vielschichtigen Spiel "Das besondere Leben der Hilletje Jans" nicht schlüssig beantworten. In seiner behutsamen Textrevision versucht Dieter Kümmel, der Geschichte einer gescheiterten Frauenemanzipation eine genaue Figurenmotivation hinzuzufügen. An den Schlüsselpunkten der Handlung begründet er das Agieren der Hilletje neu, indem er nicht nur die soziale Deklassiertheit dieser Figur und ihrer Umwelt herausarbeitet, sondern auch deren Auflehnung aus dieser Situation heraus (sozial-) psychologisch motiviert.

Kirsten Truestaedt erspielt sich diese Rolle mit einer großen Traurigkeit. Bei aller entertainerhaften Turbulenz sucht der Regisseur immer wieder Momente einer konzentrierten Stille. Kisten Truestaedt führt das Elend und die Kraft einer Mädchenfrau vor, die in die Männerwelt flüchtet und ganz in ihrer neuen Rolle als Jan Hille aufgeht. Aber nicht ganz problemlos.

Mit einem Gespür für komödiantische Pointen zeigen Kümmel und Truestaedt immer wieder Brüche, verdeutlichen sie auch eine stumme Sehnsucht nach einem anderen Leben, die nun anders als im Textoriginal begreiflich macht, warum am Ende Hilletje sich wieder demaskiert Jan Hille heiratet. In der Hochzeitsnacht muß sie ihre Identität lüften. Prompt wird sie als Hexe verurteilt.

Kümmel hat die vielen anderen Stränge dieses Stückes genauso sorgfältig herausgearbeitet. Auf der praktikablen, in seiner Grundform an ein Schiff erinnernden Podesterie des schwedischen Bühnenbildners Roland Söderberg und der Musik des Komponisten Guus Ponsioen entwickelt Kümmel sowohl das pralle Volkstheaterleben des 18. Jahrhunderts in einer Amsterdamer Kneipe als auch die Seefahrerromantik à la Hans Albers. 

Dabei sind immer wieder Bilder zu sehen, die die schmale Balance zwischen ernsthaftem dramaturgischem Denken und Parodie aushalten. Und diese Balance zieht sich bis in die kleinsten Rollenausgestaltungen hinein. Um historische Konstellationen einem heutigen (Kinder-) Publikum sinnfällig zu machen, zieht Kümmel zur sprachlichen Figurencharakterisierung immer wieder Dialektfärbungen - hamburgisches Missingisch, Wiener Schmäh - heran.

Zweifelsohne hat das Freiburger Kinder- und Jugendtheater mit seiner Spielstätte im ehemaligen Marienbad, das eine Raumbühne erzwingt und mit dem bewährtem Team Kümmel/Ponsioen zu einem Spielstil auf so hohem Niveau gefunden, an das andere bundesdeutsche Kinder- und Jugendtheater nicht herankommen. An dieser Stilfindung hat das eingespielte Ensemble großen Anteil, das in seinen Mitteln immer verfeinerter agiert und noch für die kleinste Rolle ein reiches gestisches Repertoire entwickelt. 

Wie etwa Horst Gessner die winzige Rolle des Smutje entwickelt, ist genauso gekonnt spannend wie die Darstellung des Komödianten Gerbrand durch Hubertus Fehrenbacher. Oder Michael Miensopoust und Daniela Mohr als die singenden Erzähler, Kai Orlob und Heinzl Spagl als Seeleute. Daniela Mohr als die verschlampte Wirtin oder Renate Obermaier als deren etwas verhuschst - verhärmte Tochter Roosje: Alle schlüpfen auch noch in andere Rollen und erfinden unverwechselbare charakteristische Merkmale. Mehr noch: Sie sind ständig derart präsent, daß über den verschwenderischen Spielreichtum, der auf der Bühne zu sehen ist, der Rezensent nur verstummen und ausrufen kann: Anschauen! 


Kathrin Kramer,
BADISCHE ZEITUNG 

Der Kapitän ist eine Frau
Das Freiburger Kinder- und Jugendtheater spielt: "Das besondere Leben der Hilletje Jans" 

"Doch das Leben geht weiter." Die Grablichter brennen noch. Schon eilt ein Lakai mit Silbertablett herbei, die abzuräumen. Kaum sind die Klagelieder der Hinterbliebenen verstummt, da durchflutet Festbeleuchtung den Saal Kontraste a tempo. Nicht zu vergessen: Wir befinden uns im Theater. Zu erzählen ist "Das besondere Leben der Hilletje Jans", verfaßt von Ad de Bont und Allan Zipson, aufgeführt vom Freiburger Kinder- und Jugendtheater im Marienbad. 

Die Schaufeln der Totengräber scharren in hörbar steiniger Erde und verstummen erst vor der Monotonie der nahenden Trommeln. Der Trauerzug stimmt den Abgesang an, wiegt sich gemessen im Takt. Inmitten steht Hilletje Jans, das Kind im Sterntalerhemd, staunend über die fremden Rituale der Erwachsenenwelt. Sie ahnt erst, was sie für ihr Leben bedeuten. So beginnt die Geschichte des Waisenmädchen.

Kirsten Truestaedt in der Titelrolle spielt kein Kind. Sie scheint vielmehr die Empfindungen und Wahrnehmungen des Kindes in ihren Augen und Gesten zu spiegeln. Wie sie wortlos die schwarz vermummte Gemeinde befragt, wie sie die Puppe mit Erde bestreut und sich hochkonzentriert spielend die Wirklichkeit aneignet, das rührt an alte Wunden, die jeder in sich trägt. Da versteht ein Mensch die Welt noch nicht, in die er doch hinaus muß. 

Hilletje Jans erzählt nicht nur vom Elend im 18. Jahrhundert. Sie erzählt auch von kindlicher Fremdheit und Neugier. Einsamkeit und Anpassung, von Ohnmacht und Lebensmut, die zeitlos sind. Die Tante, die eigentlich für das Kind sorgen soll, liefert es an den Schultheiß aus: Pranger und Spinnhaus stehen auf den Mord, den eigentlich die Cousine Roosje begangen hat. Als Hilletje nach sieben Jahren in das Etablissement der Tante zurückkehrt, muß sie arbeiten bis zum Umfallen. Ihre Rettung: Männerkleider. Sie gerät als Matrose auf See: fünfzehn Jahre lang, bis Jan Hille zurückkehrt als sagenumwobener Kapitän, der sich der Piraten nicht mit Waffen, sondern mit Witz erwehrte. Doch die erzwungene Hochzeitsnacht bringt es an den Tag: Der Kapitän ist eine Frau und gehört gehängt. 

Eine leidvolle, allzu leidvolle Geschichte, würde sich nicht Elend und Kummer auf Lachshäppchen und Hummer reimen. Das Erzählerpaar von Stand in Perücke und Reifrock (wunderbar galant und frivol, naiv und durchtrieben zugleich: Daniela Mohr und Michael Miensopoust) führt das Publikum wie durch eine Moritat, goutiert die Not, echauffiert sich übers das Elend wie unsereins beim Fernsehen. Leider verblassen die beiden Figuren im Laufe der Geschichte und lassen sich den roten Faden entgleiten. 

Doch zuvor führen sie an eben jene Orte, an denen das Leben weitergeht. In den "Goldenen Ochsenkopf" zum Beispiel, dessen wahren Zustand ein Ochsenschädel in Lampenform sinnfällig beschreibt. Hier pulsiert das pralle Leben. Hier kommandiert und kopuliert die Tante (Daniela Mohr, eigentlich zu hübsch und unverbraucht für Lebensart und -weise der Wirtin, überspielt dieses Manko lautstark, aber zu holzschnittartig). Ausgefeilter erschient dagegen die Figur der Roosje (nicht zuletzt dank Renate Obermaier), Opfer und Täterin zugleich: eine, die verschlagen ist, weil sie geschlagen wird, und die der Ekel vor dem eigenen Leben an den Rand des Wahnsinns treibt.

Weiter geht das Leben zur See, wo Hilletje Jans alias Jan Hille in ihre Männerrolle wächst (Kirsten Truestaedt deutet die Veränderung in Bewegung und Stimme fein und genau an), umgeben von einer Besatzung aus Karikaturen verschiedenster Männertypen (Horst Gessner, Dietmar Kohn, Michael Miensopoust, daneben Kai Orlob als Django der Truppe und Heinz Spagl als herzhaft rauher Kapitän). Auf See verdient sich endlich auch das ebenso schlichte wie vielseitige und wirkungsvolle Bühnenbild von Roland Söderberg einen Sonderapplaus. Die schwarzen Tücher verschwinden und geben den blau leuchtenden Meeresgrund frei, auf dem sich plötzlich die Umrisse des Schiffes abheben. Die Holzplanken der Hafenspelunke bilden nun das Deck der "Guten Hoffnung". Die Segel fallen vom Theaterhimmel, der Mast erhebt sich, Strickleitern schwenken aus. Da kommt sichtbar frischer Wind auf, effektvoll, aber nicht effektheischerisch. Da greift alles ineinander, der Wechsel der Bilder, die Choreographie der Bewegungen, der Aufschwung der Musik. Da bekommt das Stück gar musicalhafte Züge. Denn Guus Ponsioen prägt das Spiel mit seinen präzisen und einfallsreichen Kompositionen, die den Text tragen, pointieren, im Dreivierteltakt karikieren und konterkarieren.

Trotz Zynismus und Lebensfülle - die Geschichte bleibe ein gänzlich hoffnungslose, gäbe es nicht den Komödianten. Der Regisseur Dieter Kümmel, der zahlreiche psychologisch wohlbegründete Veränderungen im Text der Holländer vornahm, stellt die Figur des Gerbrand sehr viel deutlicher als ursprünglich vorgesehen der "Mademoiselle Illetje" an die Seite. Der Varietékünstler (hinreißend herzvoll gespielt von Huberts Fehrenbacher), dem der Kopf schon ein wenig schief auf den Schultern zu sitzen scheint, vor lauter Bemühen, ihn niemals hängen zu lassen, der dank seiner Kunst und Künste immer knapp am allzu garstigen Leben vorbeizuleben vermag, ist der eigentliche Retter - und nicht der Prinz von Oranje, wie es der Text suggeriert.

Wie der Schauspieler sich am Ende vor Hilletje verneigt, wie er seine ganze Verehrung in den Klang ihres Namens legt, da macht er zugleich seine Liebeserklärung an das Theater, das ihm in diesem Augenblick zu Füßen liegen muß. Und Hilletje erwacht zu neuem Leben. Solche Bilder, solche Klänge, solche Blicke machen Mut genug und hätten den frischwärts entschlossenen Schluß - Hilletje in heroischer Pose auf den Schultern der Mannen - nicht mehr nötig gehabt.