Geschichten
aus dem Marienbad
Badische Zeitung, 23.10.2001
Geschichten erzählt bekommen, sollte zu den Grundrechten von Kindern
gehören. Und zwar nicht das schnörkellose Gute-Nacht-Geschichten-Vorlesen,
sondern das zugewandte, ergreifende Berichten von fremden und von bekannten
Weiten. Wer das, Kind oder Nicht-Kind, noch nicht kennt, kann es im Freiburger
Kinder- und Jugendtheater erleben. Mit einer wunderschönen Premiere
ergänzte das kleine Theater am vergangenen Wochenende sein Erzähltheater-Projekt
um zwei neue Schätze: "Wovon träumst du, kleiner Bär?" und
"Hat Opa einen Anzug an?".
Geschichtenerzählen ist eine intime Sache, da wird nichts rausposaunt
und es gibt auch nicht viel zum Gucken - die Bilder entstehen im Kopf.
Stimmig ist deshalb schon der schlichte, zeltähnliche Raum im Raum:
darin Bänke, Bühne, spärliches Licht. Auf der Bühne
eine Parkbank, auf der Parkbank jemand in abgewetztem Mantel, an einer
Stulle kauend, ein dürres Bäumchen, ein Verteilerkasten, vorne
ein Pappkarton.
Das Setting im Stile alter Fotografien, blassbraungrau, nimmt die Last
schriller Farben und Erwartungen von den Erzählfiguren. Und die holen
ihr Publikum mit dem, was dann noch bleibt: Stimme und Stimmungen, Mimik,
Intonation - theatrales Erzählen eben. Die schrullige Parkbanksitzerin
macht den Anfang.- Renate Obermaier, mit beinahe unerhört erotischer
Tiefe und schamlos hessisch- "Kleiner Bräunbär,
wovon träumsch du?"
Der Braunbär steckt zunächst als Plüschviech im Pappkarton
- als personalisierte Ausführung taucht er später hinter der
Parkbank auf- Heinzl Spagl als Bernhard, der Bär, unter bäriger
Fellkappe, nach kurzer Beschneiung aus der Handtasche nun im Winterschlaf
träumend vom Süden. Zwei Menschen auf der kargen Bühne -
sonst nichts. Und doch glaubt jeder deutlich mehr zu sehen - zum Beispiel
die vielen Mitfahrer vom Hasen bis zur Giraffe, alle auf dem Weg zum Meer.
Der Bär hat da längst schon - träumend - den Lastwagen repariert,
hat ihn - echter kann ein Dieselmotor gar nicht klingen! - stotternd angelassen:
"Süden, ich komme!" Das zweistimmige Lied, Schlagzeug und Bass inbegriffen,
klingt noch bis zum Frühlingserwachen nach, die restliche Butterstulle
ist bis dahin aufgemampft.
Eine Stulle ist es auch, die in der zweiten erzählten Geschichte
veränderte Verhältnisse versinnbildlicht. Bruno nämlich
isst leidenschaftlich gerne Senfbrote, obwohl Opa sagt: Senf macht dumm.
Nun hält Bruno das Brot mit dem Senf nach unten, damit Opa den Senf
nicht sieht. Denn Opa ist, so sagen die Erwachsenen, im Himmel, dabei liegt
er - verwirrend genug - ganz augenscheinlich auch im Grab, auf dem Friedhof."
Bruno mit all seinen Fragen an den merkwürdigen Tod wird gespielt
von, einer Puppe: rote Haare, wache Augen, Stupsnase, Mund. Und bewegt
und, belebt von einem unglaublich wandelbaren und diskreten Erzähler,
und Gegenüber. Das ist Christoph Müller. Der spricht spielend
von Brunos' kinderklugen Überlegungen - bereitet den winzigen Rotschopf
zu zunehmend tröstlicher Erkenntnis - und hat zudem auch die Illustrationen
von Jackie Gleich für die Bühne bearbeitet. Tableaus, blassbraungrau
auch sie, werden Szene für Szene umgeblättert, dazu hier und
da Kommentare von Harald Kimmigs wohldosierter Geige. Eine gute Wahl, die
beiden Erzählungen von Hans de Beer und von Amelie Fried als erzähltes
Theater lebendig zu machen. Und dass die Umsetzung so ganz geglückt
ist, mag sehr an Dieter Kümmels aufmerksamer Regie liegen - dass das
Publikum, Kinder und Nicht-Kinder, hingerissen ist, verdanken sie den drei
unwiderstehlich spielenden Erzählern.
Julia Littmann
Der Funke springt über
(KulturJoker, 7. – 20.12.2001)
Wo befinden wir uns denn nun, im Museum, im Kabarett, im Kino oder doch
im Theater? Überall und nirgends, in erster Linie sind wir auf der
Reise. Von den harten Bänken im Geschichten erprobten Erzähler-
Zelt des Marienbads zu fantastischen Welten. Welten, die sich nur in unserer
Fantasie erkunden lassen.
Das alte China oder die ungesunde Insel - um dort hinzukommen, brauchen
wir jemanden, der uns ein Streichholz anzündet. Wie in der Erzählung
von dem Mädchen mit den Schwefelhölzern, das seinen ganzen Streichholzvorrat
aufbraucht, um sich etwas zu wärmen und um im Flammenschein seine
Wunschbilder zu sehen. Und die Schauspieler im Marienbad haben eine große
Packung Streichhölzer in der Tasche. Zündende Ideen, die mal
eine kalte Flamme, mal den Tanz mit dem Feuer entfachen - fern von jeder
Es-war-einmal-Bemutterung. Die Geschichte von der "'Nachtigall"- erzählt
eine bayrische Museumsputze (Daniela Mohr). Die Zuschauer finden sich als
Besuchergruppe in der Ausstellung "China, eine Reise in unbekannte Welten".
Weil die Museumsführerin nicht kommt, erzählt die Putze die Geschichte
von der Nachtigall und dem Kaiser von China, die auch ihre eigene Geschichte
sein könnte - der Traum einer grauen Maus. Denn den Kaiser begeisterte
der Gesang einer Nachtigall, die ansonsten von ihrem Äußeren
so schäbig und unauffällig war, wie es ein graues Putzfrauchen
nur sein kann. Als eine diamanten funkelnde mechanische Nachbildung den
Gesang der Nachtigall imitiert und den Hofstaat verzückt, entflieht
der echte Vogel. Natürlich geht das Imitat eines Tages kaputt und
den sterbenskranken Kaiser kann nur die echte Nachtigall retten. Und so
ist die Geschichte von der "wahren" Nachtigall, die man nicht im Museum
sehen kann, viel schöner als das, was der rnuseumspädagogische
Vortrag aus dem alten Transistor zu den prächtigen Ausstellungsstücken
zu erzählen hat. Man muss nur die richtigen Fragen stellen, rät
die Erzählerin. Das denkt sich auch Dirk, der Zwerg - unsympathischer
Held der zweiten Geschichte. Um im Zwergenreich Eindruck zu machen, setzt
er sich nicht nur zwei Brillen auf, sondern stellt wortschöpferisch
Fragen, von denen nur er weiß, dass sie sinnlos sind. So stürzt
er selbst den zweifelnden König vom Thron und erklärt im Anschluss
an den Machtwechsel seine "uneingeschränkte Kolateralität". Der
König wird auf die ungesunde Insel verbannt und kann die Geschehnisse
nur langsam, per Theatertherapie verarbeiten. Bei Hubertus Fehrenbacher
und Dietmar Kohn gerät die Geschichte zur erzkomischen Parabel auf
die Sprache der Macht, Autoritätsgläubigkeit und aktuelle politische
Zustände: Dirk hat begriffen, dass man Machtfragen so stellen muss,
dass sie niemand beantworten kann - und entlarvt so Gerhard Schröder
als Dadaisten mit umgekehrten Vorzeichen. Trotz allen Humors bekommt der
Abend einen düsteren Ton, der durch die Geschichte vom Mädchen
mit den Schwefelhölzern noch eingeschwärzt wird. Kirsten Trustaedt
begleitet als Erzählerin am Akkordeon die verzweifelte Suche des Mädchens
- eine Handpuppe - nach Wärme. Sie findet Trost in den Bildern ihrer
Fantasie, vermengt auf fatale Weise Schein und Sein und entzündet
doch mit jedem Schwefelholz aufs Neue das Prinzip der Kunst, das Bemühen,
ohne Rücksicht auf die eigenen Ressourcen, für einen Moment zu
leuchten und das Göttliche zu fassen - sei es auch der letzte.
Vielleicht- gibt es ja irgendwann den dritten Teil der Geschichten
aus dem Marienbad.; wir zünden uns schon mal ein Streichholz an.
Karsten Umlauf
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