
Satirische Fabel: Edmond Rostands "Chantecler" im Freiburger Theater im Marienbad
Milde Morgenröte zieht auf im Marienbad. Es erwacht der menschlichste
Hühnerhof, den das Freiburger Kinder- und Jugendtheater je gesehen hat.
Der Stall ist ein Spiegelsaal, die Amsel ein pfiffiger Spaßvogel, die
Briefträgertaube verteilt die Post. Die lustigen Junghennenmägde
klopfen Kissen, eine pickt Makkaroniwürmer zum Frühstück, die
nächste schmachtet nach dem Kuckuck in der Schweizer Wanduhr.
Der höfische Sicherheitsbeauftragte Patou darf von sich behaupten: "Ich
bin der totale Hund." Auch wenn er beim Wachdienst eine ruhige Kugel
schiebt. Denn alles scheint friedlich im Reich von Chantecler. Der Gutsherr
und Obergockel gebietet gemütlich über das Tal und die Morgensonne.
Staatsschädigende Laster pflegt er keine, nur die Kraft seiner Kehle
und die Qualität seiner Stegreifdichtkunst sind ihm etwas zu Kopf gestiegen.
Mit "Chantecler" hat das Theater im Marienbad ein wenig bekanntes
Versdrama von Edmond Rostand (1868-1918) ausgegraben. Die satirische Fabel
hatte sich der Dichter ein rundes Jahrzehnt nach seinem Komödienknaller
"Cyrano de Bergerac" auf seinem baskischen Landsitz ausgedacht.
Dorthin hatte sich der Mann aus Marseille wegen eines Lungenleidens zurückziehen
müssen. An der Uraufführung 1910 soll das Publikum wenig Gefallen
gefunden haben. In Freiburg aber legt der russische Gastregisseur Wjatscheslaw
Kokorin das tragikomische Potenzial des Stückes in einer stimmigen Inszenierung
frei.
Die Tiere der Nacht, die dem Hahn an den Hals wollen
Christoph Müller gibt den Chantecler als rettungslos überzeugten
Landlebenromantiker. Glücklich macht ihn das Dasein dennoch nicht. Wenn
er sich aufplustert, dann für die dantoneske Selbstzweiflerpose, gleichsam
die raffinierteste Form der Eitelkeit. Wenn er sagt: "Seien wir vergnügt!"
- dann klingt das nur verkniffen. Bald kennt man den Grund: Den guten Herrscher
plagen die Schlaflosigkeit und ein Geheimnis. Sein Lockruf, glaubt er, lässt
die Sonne aufgehen. Ohne ihn läge das Tal womöglich in ewiger Finsternis.
Die Furcht davor weckt ihn stets vor der Zeit.
Kein Wunder, dass die Tiere der Nacht dem Hahn an den Hals wollen. Selbst
sein Freund Amsel - den stattet ein bestens aufgelegter Hubertus Fehrenbacher
als Zyniker mit Zylinder aber ohne Rückgrat aus - könnte ein Spion
der schwarzen Geschöpfe sein. Genreüblich trommelt die Verschwörerbande
genau in dem Moment zur Rebellion, als ihrem lebenssatten Opfer eine neue
Liebschaft winkt: Eine Fasanin (Daniela Mohr) hat sich vor dem Jäger
auf den Hof gerettet.
Show-down ist beim Jour fixe des esoterisch-hysterischen Perlhuhns (Kirsten
Truestaedt). Ein gelber Killerkampfhahn (Heinzl Spagl) haut dem Helden die
Drumsticks um die Ohren, Blechbläser Chantecler wehrt sich tapfer, doch
der gefiederte Pöbel (stark: Nadine Werner, Sonja Karadza) schlägt
sich auf die Seite der Gewalt. Enttäuscht räumt der Regent das Feld
und folgt seiner Fasanin in den Wald. Ins Privatexil. Dorthin, wo die Eifersucht
und der Besitzanspruch seiner Erwählten alles andere als ein Schäferspielchen
ist. Der Hahn betrügt sie - mit der Morgenröte. Das klingt poetisch,
doch das Stück beginnt ab hier zu schwächeln. Bis Chantecler die
Augen geöffnet sind, bis die Nachtigall ihr Todeslied gezwitschert hat,
bis der Held geläutert auf den Hof zurückkehrt und die Fasanin den
Jäger von seiner Fährte ablenkt, verliert die streckenweise fabelhafte
Inszenierung nach zwei Stunden zusehends an Drive. Nicht aber an Moral: Hell
muss es werden, auch wenn der Hahn nicht kräht.
Badische Zeitung,
Montag, 30. Mai 2005
Stephan Reuter