Badische Zeitung:
… Im Freiburger Theater im Marienbad weiß Regisseur Dieter Kümmel
natürlich, dass er sich an eine Legende wagt – und geht unbekümmert
an ihre Darstellung. …
Schon bald gelingt ein Kunststück, bei dem man selbst kaum weiß,
wie es funktioniert: Immer mehr löst sich der Außenblick auf, verwandelt
die Bühnenwand in Gefängnisbauer und Weiter der nordenglischen Moorlandschaft
zugleich.
Schon sitzen wir mitten in ihrer Welt: Parallel choreografiert zum Ticken
des Metronoms sticken die drei an rieseigen Leintüchern, plaudern über
die Liebe, Nachbarschicksale und den opiumsüchtigen Bruder, seufzen über
die Zukunft als alternde Jungfern, lästern, necken und ärgern sich.
Alltägliche Mädchensorgen in einer Sprache, die man ihnen ohne weiteres
abnimmt: weder banal noch gestelzt, sondern rührend, natürlich und
anmutig. …
Die erste große Marienbad-Inszenierung seit langer Zeit hat eine doppelt
imaginäre Welt der Poesie geschaffen, Realität und Traumwelt der
Brontës mit wenigen Strichen in unseren Köpfen freigesetzt –
und das ist wohl das Schönste, was man von einem Jugendstück sagen
kann. Auch wenn es hiermit wärmstens für Erwachsene empfohlen sei.
Dorothea Marcus
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Stuttgarter Zeitung
In der Einsamkeit ihres nordenglischen Moors eingesponnen, erschufen sich die Schwestern Brontë inmitten des Viktorianischen Zeitalters in Gedichten und Romanen ihre eigenen Welten. Was haben die Gefühle dieser drei Frauen mit den Gefühlen heutiger junger Menschen zu tun? In ihrem Stück "Die Nächte der Schwestern Brontë" hat Susanne Schneider nun eine Textvorlage geschaffen, die diese drei Schwestern wieder aus der Geschichte herausholt und lebendig macht, die Einsamkeit dieser faszinierenden Persönlichkeiten darstellt, auch deren Verletzlichkeit, deren Ehrgeiz, deren Neugierde auf das andere Geschlecht, aber auch deren spielerische Unbekümmertheit: alles Gefühlslagen, die auch heute noch die Erfahrungen junger Menschen prägen. Es erstaunt daher nicht, dass der komplexe Text von Schneider häufig im Jugendtheater zu sehen ist.
Wenn nun am Freiburger Theater im Marienbad Dieter Kümmel eine solche literarische Vorlage aufgreift, dann darf großes Theater erwartet werden. Und in der Tat enttäuscht Kümmel diese Erwartungen nicht. Er entwickelt auf der fast leeren Bühne vor einer rostigen Wand ein streng durchchoreografiertes Spiel. Wenn die Schauspielerinnen nicht auf der Bühne sind, sitzen sie sichtbar an den Seiten. Christoph Müller als Erzähler und als Lord Byron, den sich Charlotte herbeiimaginiert, sitzt im Publikum. Als Spielrequisiten genügen fünf Aluleitern.
Dennoch entsteht eine höchst fragile Atmosphäre, zum einen durch eine musikalische Collage, deren Materialien von Beethoven bis Kate Bush reichen. Vor allem entsteht sie aber durch das "schwebende", das leichte Spiel des Ensembles. Renate Obermaier als Charlotte, Kirsten Trustaedt als Emily und Daniela Mohr als Anne Brontë geben ihren Figuren genaue Konturen, arbeiten deren Sehnsüchte und Verletzlichkeiten heraus und bleiben dabei doch auch verspielte junge Frauen. Kurz: wieder ist eine spannende Arbeit aus Freiburg zu vermelden.
mj, 7. 10. 2003
