Die vierte aristotelische Einheit
Der Grindkopf: Ein Gastspiel des Freiburger Theaters im Marienbad im Kanderner Theater im Hof
Ach, könnte Theater doch immer so schön sein: So einfach, so versöhnlich, so aufrüttelnd verstörend am Schluss. Wenn der Tod auf den Abenteurer, der ihm ins Gesicht lacht, in blinder Wut einschlägt.
Ihn aber verfehlt. Und aus Versehen das Kind trifft, das nebenan spielt. Zum Ende der diesjährigen Spielzeit wurde im Kanderner Theater im Hof Tankred Dorsts "Grindkopf" nach dem Grimmschen Märchen vom "Eisenhans" gegeben. In allen zehn Rollen, nicht gerechnet das Pferd, den schwarzen Schwan und den Vorhang: Christoph Müller.
Das kann einer nur können oder nicht. Mehr Konsequenz ist ohnehin kaum noch vorstellbar. Ein perfektes Bühnenbild für das Gastspiel des Freiburger Theaters im Marienbad gibt der historische Hof im Ortsteil Riedlingen, die berühmte Kastanie, ein Stuhl, ein Bretter- und Resonanzboden und selbst das unwirtliche Wetter scheint bestellt. Selbst den drei aristotelischen Einheiten von Zeit, Ort und Handlung, ohne die bis in die Aufklärung ein Drama kein rechtes Drama war, ist eine vierte hinzugefügt, die handelnde Person. Christoph Müller klatscht zu jedem Szenenwechsel in die Hände, und lässt den imaginären Vorhang fallen um ihn gleich wieder zu heben.
Er ist das Pferdegetrappel, der springende Ball, verdeckt mit dem Ärmel die abgewinkelte Hand bis zur Hälfte und schafft daraus den Schwan. Wenn Theater von Vorstellung spricht, dann erklären Inszenierungen wie diese (Regie: Stephan Weiland)
Was die Geschichte erzählt, gerät über das Wie beinahe zur Nebensache. Da gibt es den Königssohn, die Prinzessin, den weißen Ritter und einige mehr, ein Märchen eben. Einige der Rollen sind Müller auf die gebleckten Zähne und die boshaft halb gebückt beiseite lachende Mimik geschrieben. So etwa beim Schimmelpilz züchtenden diabolischen Gärtner. Beiläufig schlüpft der barfüßig kahlköpfige Mann auf der Bühne auch in die Rolle der Einäugigen und der Prinzessin mit der verkrüppelten Hand. Den Riesen Eisenhans machen allein seine Füße lebendig.
Für Kinder ab zehn Jahren und Erwachsene ist das Ganze konzipiert und das Theater dem strömenden Regen zum Trotz restlos besetzt. Wer hier und da von irgendwoher einen Tropfen auffängt, wird nur kurz an die Welt da draußen erinnert, wie sie ja vielleicht wirklich ist oder sein könnte.
Ohne Furcht erregende schwarze Wälder, aus denen niemand mehr zurückkommt ganz sicher, ohne riesige Arme, die aus dem Wasser heraus nach uns greifen und natürlich auch ohne Krieg, der den Himmel blutrot färbt, den gibt es doch bei nun schon lange nicht mehr. So wenigstens mit Lanzen und Rittern. Nur der Regen ist an diesem Abend echt und das Gefühl, das so nur ganz großes Schauspiel schafft.
Badische Zeitung,
Freitag, 10. August 2007
Annette Mahro