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Warum erzählen? 
Einladungen an die Phantasie

Nirgendwo ist der Schauspieler mehr auf sich selbst und auf seine wenigen Mittel, den Ausdruck seiner Stimme, die Gestik seiner Hände, seine Gänge, Blicke, seine Haltungen zurückgeworfen, als wenn er sich anschickt, eine Geschichte zu erzählen. Der Erzähler muß sein Publikum fesseln, es in seine – nie vollständig – gezeigte Welt und das, was seinen Helden widerfährt, hineinziehen.
Es scheint paradox, in Zeiten, wo die großen Erzählungen ihre Gültigkeit verloren zu haben scheinen, in denen sich die dramatische Kunst von der geschlossenen Erzählung mehr und mehr verabschiedet und vom Zuschauenden verlangt, sich selbst eine eigene Geschichte aus all dem zusammenzusetzen, was er sieht und hört, das Geschichten-Erzählen zu einem wesentlichen Programmteil des Spielplans zu machen.
Wir sind umgeben von unzähligen Geschichten in Zeitungen, Fernsehserien, Filmen, Romanen. Wir können uns nicht davor retten. Aber dort, in einer durchmedialisierten Welt, sind sie schon fertig, 'ready-mades'. Geschichten werden uns bildhaft serviert, kalkulieren auf ihre Wiedererkennbarkeit und spekulieren darauf, vorhersehbar zu sein. Uns lassen sie draußen. 
Heißt theatralisch erzählen also an alte Traditionen anzuknüpfen, als der Erzähler auf öffentlichen Marktplätzen oder am Hofe des Fürsten oder in intimer Gesellschaft jedweder Zusammensetzung der Erbauung und Unterhaltung diente? Das Erzählen wie in alten Zeiten scheint unrettbar verloren. Nur in Teilen ist es vielleicht noch wieder zu gewinnen. Ein Hintertürchen bleibt: Die kleinen Geschichten für Kinder.
Der Erzähler ist frei. Eine Wendung bringt uns Tausende von Kilometern weit weg, eine Geste verwandelt den Raum in eine Schneelandschaft, kann Jahre überspringen. Seine kleine Handbewegung kann das hoffnungsvolle Öffnen einer Tür bedeuten, sein Aufstampfen mit dem Fuß ein Königreich zu Fall bringen. Der Erzähler kann seine Figuren von außen betrachten wie Fremde. Dann wieder kann er sich an ihre Stelle versetzen, ihre Luft atmen, mit ihnen leiden und hoffen.
Geschichten entstehen im Kontakt mit dem Publikum. Und wir sind Schauspieler, also erzählen wir mit unseren einfachen Mitteln. Kaum Lichtwechsel, vielleicht ein bißchen Ton. Wenige Kulissen. Ein paar ausgesuchte Requisiten. Das muß reichen.

(Stephan Weiland)

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