Als der sogenannte Weltkrieg ausbrach, war ich dreizehn Jahre alt. An die
Zeit vor 1914 erinnere ich mich nur,wie an ein langweiliges Bilderbuch.Alle
meine Kindheitserlebnisse habe ich im Kriege vergessen. Mein Leben beginnt
mit der Kriegserklärung. Ich bin am 9. Dezember 1901 in Fiume geboren.
Während meiner Schulzeit wechselte ich viermal die Unterrichtssprache
und besuchte fast jede Klasse in einer anderen Stadt. Das Ergebnis war, dass
ich keine Sprache ganz beherrschte. Als ich das erste Mal nach Deutschland
kam, konnte ich keine Zeitung lesen, da ich keine gotischen Buchstaben kannte,
obwohl meine Muttersprache die deutsche ist. Erst mit vierzehn Jahren schrieb
ich den ersten deutschen Satz.
Wir, die wir zur großen Zeit in den Flegeljahren standen,waren wenig
beliebt.Aus der Tatsache, dass unsere Väter im Felde fielen oder sich
drückten, dass sie zu Krüppeln zerfetzt wurden oder wucherten, folgerte
die öffentliche Meinung,wir Kriegslümmel würden Verbrecher
werden.Wir hätten uns alle aufhängen dürfen, hätten wir
nicht darauf gepfiffen, dass unsere Pubertät in den Weltkrieg fiel.Wir
waren verroht, fühlten weder Mitleid noch Ehrfurcht.Wir hatten weder
Sinn für Museen noch die Unsterblichkeit der Seele - und als die Erwachsenen
zusammenbrachen, blieben wir unversehrt. In uns ist nichts zusammengebrochen,
denn wir hatten nichts.Wir hatten bislang nur zur Kenntnis genommen.
Wir haben zur Kenntnis genommen - und werden nichts vergessen.Nie.Sollten
auch heute einzelne von uns das Gegenteil behaupten, denn solche Erinnerungen
können unbequem werden, so lügen sie eben.
(Ödön von Horváth)
Brief an Traugott Krischke
„Nachdem ich ‘Jugend ohne Gott’ gelesen hatte,war es mir ein Bedürfnis,dem Autor zu schreiben,was man sich öfters vornimmt, aber sonst nie tut, und so kam es zu einer Korrespondenz, die sich über eine längere Zeit hinzog ... Es muss 1938 gewesen sein, als er mir schrieb, dass er nach Paris kommen würde, um mit mir über die Verfilmung von ‘Jugend ohne Gott’ zu sprechen. Ich wohnte damals 13. Square Henri Paté in Passy, Paris, im 7. Stock und eines Tages stand ein großer, schwerer Mann keuchend vor meiner Tür, Ödön von Horváth. Auf meine Frage, warum er den Fahrstuhl nicht benutzt habe, sagte er, dass er sehr gerne laufe, ich fand aber kurz darauf heraus, dass er sehr abergläubisch war ... In den folgenden fünf Tagen wurden er,meine Frau Babs und ich Freunde in einem solchen Ausmaß, dass wir unzertrennlich von morgens bis abends zusammen waren ... Jedenfalls kam der berüchtigte Tag seines Aufenthaltes. Ich war beschäftigt, brachte ihn aber zur Fünf-Uhr-Vorstellung in das Cinéma Maignan auf den Champs Elysées,wo er sich ‘Schneewittchen und die sieben Zwerge’ ansah. Bei Schluss der Vorstellung wartete ich auf ihn. Es war kurz vor sieben Uhr und ein Sommerabend. Ich hatte ihm einige gute Zigaretten gebracht, die er leidenschaftlich gern rauchte und wir saßen auf der Terrasse des Café Marignan, als plötzlich meine Frau erschien. Sie war einigen Freundinnen davongelaufen, deren Unterhaltung ihr zu langweilig war und saß mit uns. Gegen halb acht Uhr sagte Horváth, er müsse jetzt nach Haus, um heute Abend noch alles aufs Papier zu bringen,was wir besprochen hatten, da er morgen zeitig wieder nach der Schweiz müsste. Er hatte aber die Absicht,uns noch später zu treffen, um sich von uns zu verabschieden.Meine Frau bot ihm an, ihn im Auto nach Hause zu fahren, was er aber damit ablehnte, dass er nur Untergrundbahn führe oder laufe, da er Angst vor einem Unfall hatte. In diesem Fall zog er es vor, bis zum Place de la Concorde, etwa einen halben Kilometer, zu laufen, da es so ein schöner ruhiger Abend wäre und er im Gehen besser denken könne. Das war das letzte Mal, dass wir ihn sahen.“
(Robert Siodmak)
Selbstbefragung
Warum lässt man einen Roman wie „Jugend ohne Gott“ nicht einfach einen Roman sein? Die Leute sollen ihn lesen oder lesen lassen.Warum den Stoff auf die Bühne transportieren?
Der Reiz besteht ja in der Adaption. Im Wechsel des Mediums, um es anders auszudrücken. In der Adaption kann man Dinge zeigen, die auf der Bühne ein anderes Gewicht bekommen. Der Lehrer wird aus der Ich- Figur des Romans zu einer handelnden, reflektierenden, aber vor allem einer sichtbar gespielten Person. In diesem Fall sogar von zwei Darstellern gespielt... Kurz gesagt,man kann sich dadurch Bedeutungsgewinn erhoffen. In der Adaption liegt immer auch eine Interpretation. Dazu kommt, dass man im Theater immer in einer kollektiven Situation ist, sowohl die Spieler wie auch das Publikum. Außerdem,Horváth selbst trug sich ja mit dem Gedanken an eine Verfilmung des Stoffes und führte darüber Gespräche mit Robert Siodmak.
Gab es bereits Bearbeitungen für die Bühne?
Mir sind drei Bearbeitungen bekannt, es gibt sicherlich noch mehr. In unserer Fassung wollten wir von der Nacherzählung weg. Die bestehenden Fassungen bauen weitgehend Dialogsituationen um den Lehrer herum, um so den Stoff nachzuerzählen. Das heisst, der Lehrer spricht mit Person A, dann B, und so weiter. Durch unseren Ansatz, eine Art Hörspiel zu machen, ergaben sich viel mehr Freiheiten, mit den unterschiedlichen Textsorten umzugehen: Erinnerung, Erzählung, Briefe, konkrete Spielszenen. Eine klassische Dramatisierung scheitert meines Erachtens an der Vorlage.
Verflacht es nicht den Romanstoff, wenn vieles weggelassen werden muss?
Was schon aus Gründen der Aufführungsdauer nötig ist. Ich glaube, da kommt aber erneut der Gewinn durch das Mittel Theater zum Tragen.Die Personen erscheinen leibhaftig, nicht nur aus der Sicht eines Ich- Erzählers.Die Schüler bekommen so ein ganz anderes Eigenleben,werden dynamischer,widersprüchlicher. Bei der Frage, was fällt weg, was lässt man an Erzählsträngen und Handlungsebenen weg, war mein Kriterium, am Hauptplot entlang zu gehen, im Vertrauen, dass Horváths Roman vielschichtig und in den Handlungsebenen verknüpft genug ist. Ein anderes Kriterium ist sicher die Bühnentauglichkeit: Ich bin der Meinung, dass sich jeweils in den Szenen etwas entwickeln muss; also nur ein Gespräch über Gott und die Welt,wie im Roman die Begegnung des Lehrers mit dem Dorfpfarrer, mag zum Lesen erhebend sind, oder wäre vorstellbar als eine Art Installation.Als Bühnenszene kann es furchtbar langweilen oder sogar belehrend wirken.Die Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff und Werten in der Gesellschaft,worum dieses Gespräch kreist, sollte an anderer Stelle, als Bühnenmoment, beziehungsweise mit den Theatermitteln hervorgehoben und verschärft werden.
Ist „Jugend ohne Gott“ Krimi, antifaschistischer Roman, ein Entwicklungsroman, historisches Zeitportrait? Welche Beziehung zu unserer Gegenwart hat Sie zu dieser Dramatisierung bewegt? Wir leben zwar in unübersichtlichen Zeiten, aber doch nicht in einer faschistischen Diktatur?
Sind Sie da sicher? Das ist beruhigend.Über Geschichte kann man gerade erzählen, indem man sich aus der historischen Bezüglichkeit löst.Aber zur Frage nach dem Roman: Es ist ein Liebesroman,in erster Linie.Das wurde in der Arbeit der Dramatisierung deutlicher, als mir vorher bewusst war – indem das Liebespaar wirklich da ist in seinem Spannungsverhältnis.Es geht um die Fähigkeit zu lieben.Wenn das Liebespaar Eva und Z, das im Roman nur als vom Lehrer beobachtet bzw. im Tagebuch des Z geschildert wird, leibhaftig in seiner Verlorenheit vor uns steht. Zusammengehalten wird aber letztlich alles durch den Krimi.Man will die Wahrheit herauskriegen.Und am Ende ist die Wahrheit furchtbar banal, unbefriedigend, verstörend. Das ist doch aktuell.
Die Klassenfrage, arm und reich, die Produktionsverhältnisse, die verarmten Sägewerkarbeiter, die Kinder, die hinter Fenstern Puppenköpfe bemalen, - das alles haben Sie weg gestrichen.
Die Kinder hinter den Fenstern sind ein unheimlich starkes Bild, sicher. Es war eine Frage der Entscheidung der Transformation, die sich erst noch bewähren muss. Ich glaube aber, die Armutsszenen als behauptete Bebilderung, als Hintergrund, führen nicht unbedingt zu den inneren Entwicklungen der Personen, die wir als Zuschauer mitverfolgen wollen.Die Frage zielt für mich eher in eine andere Richtung: Sicher könnte man auch assoziativ Elemente des Romans als Vorlage und Anregung für eine Performance wählen. Das eben erwähnte Bild, live auf der Bühne ein dreißigköpfiger Schulmädchenchor, der BDM – Lieder singt, und der Lehrer versucht mit seinen Schülern die Kreuzigung am Kalvarienberg nachzustellen. Wir haben uns für die Geschichte und für das Benutzen von Horváths Sprache entschieden.Die Geschichte des Romans hat den klassischen Aufbau.Warum sie also über Bord werfen?
Wenn die Texte der Fassung Originaltexte sind, ist das, was Sie tun, überhaupt eine kreative Tätigkeit?
Hm. Die Kreativität liegt in der einzelnen Entscheidung, in der Wahl der Textstelle, der jeweiligen Szene. Einerseits muss man so nichts erfinden. Dieser „Kreativitätsdruck“ fällt glücklicherweise weg. Dafür muss aber eine neue Form gefunden werden.Man muss sich von der vorgegebenen Struktur freimachen und alles neu zusammensetzen.Am Ende sieht es vielleicht gar nicht so neu aus? Mich hat interessiert, die Spannung zwischen den Figuren zu suchen.Erstaunlicherweise liegt diese Spannung nicht in der direkten Übernahme der Dialoge des Romans in Bühnendialoge. Da funktionieren Roman und Bühne vollkommen verschieden. Und es gibt eine Differenz in der Zeit, in der Ökonomie der Zeit. In eineinhalb oder zwei Stunden soll alles erzählt sein. Einen Roman kann man liegen lassen,man kann eine Seite oder eine Passage noch mal lesen. Auf der Bühne drängt alles nach vorne, vorwärts.Alles geht Schlag auf Schlag. Das Psychologische, die innere Entwicklung, entsteht im Auge bzw. im Ohr des Zuhörers.
(Stephan Weiland)

Und die Leute werden sagen/
In den fernen blauen Tagen/
Wird es einmal recht/
Was falsch ist und was echt/
Was falsch ist,wird verkommen/
Obwohl es heut regiert./
Was echt ist, das soll kommen -/
Obwohl es heut krepiert.
Ödön von Horváth