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1924 in Paris geboren, studierte Jura, Literatur und Philosophie in Deutschland und Frankreich. Er arbeitete als Lektor, Übersetzer und Journalist. 1970 erhielt er für seinen Roman Der Erlkönig den Prix Goncourt. Mit seinen weiteren Romanen (u. a. Zwillingssterne, Freitag oder im Schoße des Pazifik und zuletzt Eleasar) gehört Michel Tournier zu den meistgelesenen französischen Schriftstellern der Gegenwart. Zu seiner Erzählung Pierrot oder die Geheimnisse der Nacht, die im Erzählband "Das Liebsmahl" erschienen ist, schrieb er:
"Ich muß zuerst sagen, daß ich kein geborener Romancier bin. Bis 25 habe ich mich nur für Philosophie interessiert. Ich wollte Philosophie lehren, ein philosophisches System konstruieren, und ich habe unter anderem vier Jahre in Tübingen bei Eduard Spranger, Romano Guardini, Theodor Häring und einigen anderen studiert. Dann kam der große Bruch. Aus materiellen Gründen habe ich diese akademische Laufbahn aufgeben müssen, und mein Leben als Journalist und am Rundfunk, Fernsehen usw. erwerben müssen, das heißt also in stetigem Kontakt mit dem großen Publikum. Das Problem hieß nun: für dieses Publikum schreiben. Andererseits aber wollte ich mein philosophisches Zeughaus nicht aufgeben. Wie komme ich dazu Bücher für das große Publikum zu schreiben und insgeheim mein philosophisches Instrument zu benutzen? Ich wollte Romane im Sinne von Karl May oder Mario Simmel schreiben, und zwar mit der Schreibmaschine von Hegel. Ein Schmuggler der Philosophie wollte ich werden. Je naiver, kindlicher meine Geschichte aussehen, je jünger die Leser die sie interessieren, je mehr sie von Philosophie vollgestopft sind, desto besser. Nun für diesen Pierrot habe ich sechsjährige Kinder interessieren können, obwohl er ein Symbol für Ontologie ist. Nicht obwohl: weil er ein Symbol für Ontologie ist. Denn der große Gegensatz zwischen Substanz und Oberfläche, Wesen und unwesentlicher Eigenschaft, worum es in diesem Märchen hauptsächlich geht, dies ist nicht nur die Grundlage der Ethik von Spinoza, das ist auch eine tägliche Erfahrung, die das kleine Kind macht, wenn es malt oder mit Modellierwachs oder Backteig spielt."
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Als ich heute früh zum erstenmal meinen Teig knetete, habe ich Bilder aus mir hervorgeholt, die vom Gewühl des Lebens verwischt waren, doch trägt meine Abgeschiedenheit dazu bei, sie auszugraben. Ich mochte zehn Jahre alt sein, als mein Vater mich fragte, welchen Beruf ich später ausüben wollte. Ohne Zögern antwortete ich: Bäcker. Er sah mich ernst an und nickte mit einer Gebärde liebevoller Zustimmung langsam mit dem Kopf. Kein Zweifel, daß nach seiner Meinung dieses bescheidene Handwerk mit einer Art geheiligter Würde ausgestattet war durch all die Sinnbilder die dem Brot anhaften, recht eigentlich Nahrung des Körpers, aber auch des Geistes nach der christlichen Überlieferung - die er freilich aus Treue zu den Lehren der Quäker ablehnte, deren Ehrwürdigkeit er aber doch respektierte. Für mich handelte es sich um etwas ganz anderes, aber ich kümmerte mich damals wenig darum, die Bedeutung des Nimbus zu erklären, in dem das Bäckerhandwerk in meinen Augen erstrahlte. Jeden Morgen, wenn ich zur Schule ging, kam ich an einem bestimmten Kellerfenster vorbei, dessen warmer, mütterlicher und gewissermaßen sinnlicher Hauch mich beim erstenmal stark berührte. Von da an blieb ich jedesmal lange stehen, an die Gitterstäbe geklammert, die das Fenster verschlossen. Draußen herrschte die feuchte Dunkelheit des frühen Morgens, war die schmutzige Straße, an ihrem Ende die feindselige Schule und die groben Lehrer. Im Innern der goldgelben Höhle, die mich anzog, sah ich einen Bäckergesellen - mit nacktem Oberkörper, das Gesicht leicht mit Mehl bestäubt - der mit beiden Armen kräftig die helle Teigmasse knetete. Ich habe immer die Stoffe der Form vorgezogen. Tasten und Einatmen sind für mich aufregendere und eindringlichere Wege zum erfassen als Sehen und Hören. Ich denke mir, daß dieser Wesenszug nicht zugunsten meiner Geistesart spricht, aber ich bekenne es in aller Bescheidenheit. Für mich ist die Farbe nichts als ein Versprechen von Härte oder Weichheit, die Form ist nur die Ankündigung von Geschmeidigkeit oder Steifheit in meinen Händen. Nun konnte ich mir nichts Angenehmeres und Einladenderes vorstellen als diesen großen Laib ohne Kopf, schlaff und lasziv, der sich auf dem Boden des Knettrogs den Umarmungen eines halbnackten Mannes überließ. Ich weiß es heute, ich stellte mir eine wundersame Vermählung zwischen dem Brotlaib und dem Bäckergesellen vor, und ich träumte sogar von einem neuartigen Sauerteig, der dem Brot einen Moschusgeschmack und etwas wie Frühlingsduft verleihen würde.
Aus: Michel Tournier, Freitag oder Im Schoß des Pazifik
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Wir haben Pierrot, Pulcinella, Petruschka, die drei Gaukler, Bauerntölpel und Hampelmänner der Kunstgeschichte, durch rund vier Jahrhunderte verfolgt. Eigentlich haben sie weder einen trübsinnigen Charakter noch die Bravour eines Capriccios gezeigt. Vielmehr sind sie bei epochalen Umbrüchen und in Zeiten mangelnder Orientierung still beobachtend zur Stelle gewesen. Zwischen dem Manierismus und Barock in Italien, Deutschland und Frankreich hat man die Commedia dell' arte an die verschiedenen Höfe geholt, als könne sie die Weltbühne der menschlichen Triebe und Schicksale abgeben. Zwischen den Amtszeiten von Ludwig XIV. und Ludwig XV. wurde der Pierrot in Paris als das aristokratisch-bürgerliche Bild von verhaltenem Begehren und Warten entworfen - eine der feinsten, unaufdringlichsten Darstellungen von Liebe, die wir bis heute kennen.
[...] Nach den bürgerlichen Revolutionen Frankreichs von 1830 und 1848 trat Pierrot wie nie zuvor als gemeingefährlicher Lump und ehrgeiziger Proletarier auf, den vor allem Künstler und Literaten mochten. Bis zur Jahrhundertwende ging daraus in Paris, London oder Wien ein Snob und Dandy hervor, der durch besondere Kleidung und Geschmacksäußerungen auffiel, aber nichtsnutzig und ungefährlich blieb. Im Rußland zwischen den Revolutionen von 1905 und 1917 modellierte das Theater die Idee einer neuen Volkskunst heraus, die in Kenntnis der Pierrot - Mode auf die Puppe Petruschka zurückgriff. Zehn Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg tauchte Pierrot schließlich international - von Picasso am stärksten ausgeprägt - als eine selbstbewußte, den Akrobaten und Gauklern nahestehende Außenseiterfigur auf, die sich zunehmend weniger für das Theater der menschlichen Schicksalsschläge als für Formen und die gesellschaftliche Stellung des Künstlers interessierte. Noch heute steht Pierrot für Melancholie und künstlerische Selbstbeobachtung ein. Andy Warhol und David Hockney haben unserer Figur im zeitgenössischen Kontext die wohl schlagendste Aktualität verliehen Sie nutzen die Gauklerrolle des Künstlers höchst intensiv für eine torenhafte Anwendung von Bildtechniken der Medienindustrie oder entwickelten aus ihrer perspektivisch und farblich rasante Bühnenräume, als ob es gelte, Watteaus Pierrot und die Pulcinelle der Tiepolos am Ende doch noch unter die Leute zu bringen. Ihre Werke bleiben aber - gerade durch die bunte Oberflächlichkeit - genauso unfaßbar wie jene: äußerst freundlich und schön, ohne ein Genrestück abzugeben, unterhaltsam und dekorativ, dennoch unheimlich, ja verunsichernd. Wer sind diese Künstler und was wollen sie? Wir wissen es auch am Ende nicht. Seien wir vielleicht froh, daß es sie gibt.
Aus: Pierrot, Melancholie und Maske (Thomas Kellein, 1995)
