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(Besuch bei Katt und Fredda)

Ingeborg von Zadow, Ein Portrait


 
Christoph Lepschy 

»DER TRICK IST DAS WORT PAUSE«

Dem ersten Eindruck nach hat die junge Autorin Ingeborg von Zadow nichts mit postmodernen Autorschaftskonzepten am Hut. Von wegen Verschwinden des Autors, Auflösung des Werkbegriffs, Vielstimmigkeit des in seinen Bezügen diffundierenden Textes etc. Auf die Frage, ob sie ihre Texte als »Fundament« einer möglichen Inszenierung begreife, antwortet sie ohne großes Zögern mit ja. Wenn die theatralische Auseinandersetzung einem Text gelte, dann müsse sich das Theater auch der Herausforderung, die der jeweilige Text liefert, stellen. »Man hat als Autor nur die Worte«, sagt sie. Andernfalls handele es sich um »Projekte«, und die müßten auch als solche gekennzeichnet sein. Und nachdrücklich betont sie die Unzulässigkeit von Veränderungen (mit Ausnahme von manchen Streichungen) im Text durch Regisseure oder Dramaturgen als Eingriff in die Werkautonomie. Der Text als Grenze der Regietheater-Willkür. Eine Autorin ganz in der Tradition des literarischen Theaters in Deutschland? So könnte man vorschnell denken. Der scheinbar so texttreuen Theaterauffassung aber widersprechen eine Reihe von Indizien. 

TEXTE, PROJEKTE 

Freilich ist Ingeborg von Zadow nicht nur Dramatikerin, sondern auch Theatermacherin. Ihr Schreiben für das Theater war stets begleitet von der Arbeit am Theater selbst. Mittlerweile ist sie selbst auch als Regisseurin tätig. 
»Das geht gar nicht - für das Theater zu schreiben, ohne eine Vorstellung davon zu haben«, stellt sie fest, und natürlich ist sie vertraut mit dem Spannungsverhältnis von Autor und Theater, mit den Problemen, die sich bei der Umsetzung eines Textes in eine Inszenierung ergeben. Intuitiv hat sie sich auf die Suche nach jener brüchigen Relation vom Text zum Theater begeben, die gekennzeichnet ist von der defizitären Eigenheit des dramatischen Textes, der als Schrift stets nur ein literarisches Versprechen bleibt und seine Erfüllung erst auf der Bühne findet. Zu gut weiß sie von den Freiräumen, die ein Inszenierungsteam benötigt, um an einem Text seine Phantasie entzünden zu können, so sehr sie sich die Planbarkeit dieser Freiräume auch wünschen mag. Folgerichtig zeichnen sich ihre Texte denn auch aus durch präzis kalkulierte Leerstellen für die szenische Realisierung.
[…]

VARIATIONEN ÜBER DEN DRITTEN ODER 
THEATRALISCHE REFLEXIONEN ÜBER DEN PARASITEN 

Man könnte die drei ersten Stücke Ingeborg von Zadows (ICH UND DU 1992; POMPINIEN 1992; BESUCH BEI KATT UND FREDDA 1995) als Variationen ein und desselben Themas begreifen. Es wird jeweils die Situation einer Zweierbeziehung entworfen, die sich nach Stabilität sehnt. Und in allen Fällen bricht ein Dritter bzw. die Funktion eines Dritten (z.B. der Wunsch nach dem Draußen) ein und löst Angst, Unruhe, Eifersucht aus. Damit wird das Geschehen dynamisiert: Eine Art Parasit, der die Handlung vorantreibt und zugleich von der entstehenden Rivalität profitiert, die er veranlaßt. Es ist gewissermaßen eine anthropologische Grundsituation, die unter der jeweils veränderten Konstitution des störenden Dritten durchbuchstabiert wird. 
Drei Merkmale verbinden alle drei Stücke vornehmlich: Das ist zum einen die Musikalität der Texte: die Rhythmik der Sprache und die große Sorgfalt, die auf die Satzmelodie und den Verlauf des Dialogs verwendet wurde. Die Texte sind im Blick auf das Sprechen geschrieben, sie »klingen« bereits beim Lesen. 
Zum zweiten verzichten die Texte auf jegliche Psychologisierung der Figuren. Wir erfahren weder, wie alt sie sind, noch welchen Beruf sie haben, weder woher sie kommen, noch wohin sie gehen. Sie sind da - unmittelbar und unvermittelt, ganz ins Exemplarische gewendet. […]
Die Beziehung der Figuren ist ganz über die konkrete Situation definiert, die die gemeinsame Anwesenheit in einem bestimmten Raum zum Ausgangspunkt nimmt. Den beiden Protagonisten in BESUCH BEI KATT UND FREDDA beispielsweise sind zwei Sofas gleichsam als persönliche Innenräume im gemeinsam bewohnten Zimmer zugeordnet, die allmählich »durchlässig« werden. 
[»Der Trick ist …]
Fast als würden die Sofas eine gleichwertige Rolle wie die Personen spielen, stehen die Figuren jeweils zwischen dem anderen und dem eigenen Sofa. Der Konflikt bricht auf, als die Zuordnung der Möbelstücke zu den Figuren Katt und Fredda aus dem Gleichgewicht gerät. Einfach weil Besuch kommt. Und der muß sich schließlich irgendwo hinsetzen. Die Dritte, Miranda, erkennt die Situation, spielt Katt und Fredda gegeneinander aus und bringt die vermeintlich stabile Beziehung gründlich durcheinander. Das besondere dieser nach einfachsten Mustern strukturierten Geschichte ist ihr Abstraktionsniveau, das mit sprachlichen Gesten konkretisiert wird. Das Stakkato der Wechselreden läßt die Figuren gleichsam aus der Bewegung der Sprache entstehen. Jenseits jeglichen »Realismus« entstehen Kunstfiguren, die - in ihrer Androgynität und ihrer Übertragbarkeit - sich ganz der sinnlichen Imagination der Zuschauer anbilden können. 
Die dritte Gemeinsamkeit ist die »Pause«. […] Natürlich hat dieses Innehalten zuallererst rhythmisierende Funktion, setzt es den Fluß der Sprache für einen Moment aus, gleichsam um neue Kraft zu sammeln für den Fortgang des Dialogs. Aber mehr noch: die »Pausen« öffnen der szenischen Phantasie die Spielräume. Was dort geschieht und wie lange die Pausen dauern, ob die Bilder hier den Text verstärken oder unterlaufen - die »Pause« erscheint als der theatralische Sprengsatz der Dialogführung. So durchgeformt die Reden der Figuren sind, so sehr die Autorin Anspruch auf Unverletzlichkeit dieser Textpassagen erhebt, so nachdrücklich öffnet sie ihrem Text hier Freiraum für das Einbrechen anderer Vorstellungen.
»Der Trick ist das Wort Pause«, sagt sie und formuliert damit eine Poetik, die ganz auf die Momente theatraler Imagination im Text setzt. Damit schließt sie sich an eine dramatisch-literarische Tradition an, die die »Dichtung des Augenblicks« im Gedächtnis der Schrift zu erhalten sucht, wie Max Kommerell das einmal genannt hat. 
Im übrigen setzt Ingeborg von Zadow in diesen Texten eine Entwicklung der Kindertheater-Literatur fort, die sich u. a. an Suzanne van Lohuizens fruchtbarer Verarbeitung Beckettscher Muster orientiert. Und es ist kein Zufall, wenn sie die Arbeit Suzanne van Lohuizens oder Ad de Bonts und des holländischen Kinder- und Jugendtheaters im Allgemeinen in seiner Abwendung vom »Realismus« als wichtige Bezugspunkte nennt.

EINE KINDERTHEATERAUTORIN? 

Nein, auf keinen Fall. »Ich lege Wert darauf, daß ich Theater mache, und nicht Kinder- und Jugendtheater«, so Ingeborg von Zadow über ihre Theaterarbeit. Sie beschreibt damit auch die Gefahr, die vom ausgeprägten Spartendenken des deutschen Theaters ausgeht, in dem Kinder- und Jugendtheater immer noch und immer wieder als das kleinere, billigere und einfachere Fach angesehen wird. Dabei könnte es eine Binsenweisheit sein, daß ein gutes Kinder- oder Jugendstück komplex genug sein muß, Kinder und Erwachsene auf unterschiedlichen Ebenen anzusprechen. Andernfalls verfällt es beinahe zwangsläufig dem krampfhaften Bemühen um »kindgerechte« Einfachheit, wie sie sich in den allseits beliebten Weihnachtsmärchen so beharrlich wie bedauerlich niederschlägt. »Ich bin im Moment in einer Schublade gelandet.«, sagt sie und formuliert damit ein Unbehagen, das sie mit vielen Theatermachern ihrer Generation teilt, die sich eher als Grenzgänger begreifen und nichts so sehr fürchten wie die Festlegung auf ein ausschließliches Genre.
[…]
Ingeborg von Zadow jedenfalls ist eine Theatermacherin, die sich nicht festlegen lassen will. Nicht auf das Kinder- und Jugendtheater, nicht auf die Autorinnen-Rolle und nicht auf eine bestimmte Theaterform. […] Man könnte sagen, daß Ingeborg von Zadows Arbeit von einem tiefen sehr produktiven Widerspruch geprägt ist: Da ist auf der einen Seite die akribische Auseinandersetzung mit Sprache und Texten. »Ich versuche wirklich, jedes Wort zu bestimmen.« Texte auf den Punkt zu bringen, so zu schreiben, daß kein Regisseur auch nur auf die Idee kommt, etwas zu streichen, ist ihre Idealvorstellung eines dramatischen Textes. Einerseits. Andererseits sucht sie nach einem Maximum von Übertragbarkeit, was die Figuren ihrer Texte und die Situationen, in denen sie sich befinden, angeht, und sie versucht, den Spielraum, der ihren Ort und ihre Selbstbestimmung als Theatermacherin betrifft, so offen wie irgend möglich zu halten. 

[aus: Stück-werk 2, Ein Arbeitsbuch]