Besuch
bei Katt und Fredda
von
Ingeborg von Zadow
(... ein Portrait)
Freddas
Gedanken -
Gedanken
zu Fredda.
Katt und Fredda
verbindet eine gemeinsame Geschichte. Sie haben »Mühen
und Strapazen« hinter sich gebracht, die voller »Sehnsucht
und Angst und anderen Hindernissen« waren. Jetzt haben sie sich etwas
geschaffen, ein gemeinsames Zuhause mit klaren Strukturen und liebgewonnenen
Ritualen. Süßer Alltag.
Sie beide kennen
das »draußen Herum-irren« und haben, Fredda zumindest,
mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Bitte nicht stören!
Fredda sucht
immer wieder bei Katt die Bestätigung dafür, daß sie beide
das Gleiche empfinden: „Es ist schön hier, ruhig, friedlich, ungestört“-
viermal „Ja“ ist die Antwort. Fredda bestimmt die Rituale und hat gewissermaßen
die Beziehungskontrolle über beide.
Das erste neue Wort in der durch und durch bekannten Beziehungsstruktur
heißt »Besuch«. Besuch ist immer erst einmal fremd, kommt
von außen, und stolpert später tatsächlich »einfach
so« rein, so einfach, wie es auch für Katt und Fredda einst
war: Einfach öffnen und reingehen. Gleich einer trockenen Alkoholikerin,
die bei „komm, trinken wir einen“ zusammenschreckt, ist auch Fredda zunächst
in völliger Abwehr und in Angst vor einem Rückfall. Kaum hat
sie ein Schlückchen gekostet („schöne Nase“), ist sie der Sucht
(Miranda) verfallen.
Es wundert nicht, daß ein zur Sucht und Abhängigkeit neigender
Mensch wie Fredda die Beziehung zu Katt durch Ordnung und klare Strukturen
vor dem unbekannten Außen sowie vor dem bekannten Innen schützen
muß.
Katt spricht
einen Wunsch aus, den Fredda auch fühlen könnte, wenn sie wollte,
sich aber niemals eingestehen würde. Fredda läßt in ihrem
Beziehungsalltag im Gegensatz zu Katt niemals Phantasien darüber zu,
wie es anders (schöner, abwechslungsreicher) sein könnte. »Nur
wir beide«. Punkt. Im Besuch sieht Fredda nur Bedrohung. Sie begibt
sich sogleich in die bekannte Opferrolle: „Du tust mir weh“, allein um
das Thema »Besuch« theatralisch wirksam und vor allem möglichst
schnell und ein für allemal zu beenden.
Es fallen noch weitere neue Wörter: »spannend«, »reizvoll«,
und das schlimmste: »neu«. Was bedeuten sie? Fredda, die sich
durch die Beziehung zu Katt definiert, empfindet allein: was bedeuten sie
für Katt und somit für die Beziehung zu mir? Freddas Charakter
muß alles wissen über Katt, und bislang wußte sie auch
ziemlich viel (Beziehungskontrolleur). Fredda merkt, daß sie beide
daran leiden.
Sie will ja nichts mitkriegen, doch sie muß alles wissen. Es kommt
zur Aussprache und Katt kann von ihren Gedanken und Träumen sprechen,
die eben kommen, wenn sie wollen. Fredda versteht. Sie kann in diesem Moment
über ihren Schatten springen, von dem „Du bist Schuld und verletzt
mich“ lassen. Sie nimmt erneut, diesmal liebevoll, die Beziehungszügel
in die Hand und gibt die Richtung an: Unser Raum. Kein Besuch.
Der (Alp)traum wird wahr, trotzdem. Besuch. Fredda klammert sich sofort
an ihr altes Muster: Du bist Schuld (du hast sie eingeladen), allein um
mir weh zu tun (ohne mich zu fragen). Es folgt höchste Anspannung,
denn Katt verläßt »unseren Raum«, nimmt Kontakt
auf mit dem Besuch.
Fredda ist
kaum fähig aus ihren Augen zu schauen. Sie zeigt sich überlegen
und hart, fühlt sich jedoch sehr sprach- und hilflos.
Die Nase … Der Besuch sagt etwas Nettes und hält dann auch noch einen
Spiegel hin, damit sich Fredda davon selbst überzeugen kann: Eine
schöne, schöne Nase… Miranda schafft es, Freddas Interesse und
Eigenliebe zu wecken. Sie hilft ihr, ihr Selbstwertgefühl zu heben.
Ist es dann oben, ist es schier nicht mehr zu halten. Der erste Schluck
Champagner prickelt am schönsten und macht Lust auf mehr. Es geschieht
etwas Neues: Die liebe Ordnung, das geliebt-gehasste Beziehungs-gerüst
verliert für Fredda an Bedeutung. ‚Katt, du hast recht, es ist gar
nicht so schlimm mit »Besuch«, ich hatte völlig vergessen,
wie das ist, ich bin so aufgeregt du auch? Es stimmt, wir können so
einfach zusammenrücken!‘
Einen Moment
lang empfindet Fredda sogar Stolz auf ihre Katt, die für dieses tolle
Ereignis »Besuch« verantwortlich ist. Und als würde sie
sich bei Katt fast für ihre anfängliche Patzigkeit entschuldigen
wollen, gibt Fredda jetzt alles, damit es der Besuch recht bequem hat.
Fredda ist (wieder einmal) so mit sich selbst, mit ihrem neuen Aufleben
und dem Besuch beschäftigt, daß sie dabei Katts Stim-mungs--wechsel
einfach nicht wahrnehmen kann.
Ein weiteres neues Wort fällt, diesmal von Miranda ausgesprochen:
gemütlich. Fredda ist jetzt weich und offen für Neues. Sie läßt
das neue Wort auf der Zunge zergehen und genießt den neuen Geschmack.
Sie ist im Grunde so, wie Katt sich ihre Fredda immer gewünscht hätte,
offen für spannende und neue Reize, für Unbekanntes, für
Besuch. Jetzt könnte Fredda zum ersten Mal sagen: Ich muß nicht
alles wissen, Katt. Sie gibt Katt ihre Eigenständigkeit und Gedankenfreiheit
zurück - (Naja, gut, Fredda könnte es doch so sehn - wenn sie
nicht gerade mit was völlig anderem beschäftigt wäre!).
Fredda empfindet das jedenfalls als sehr befreiend (unter ihrem »alles
wissen und kennen müssen« hatten schließlich beide gelitten,
oder?). Sie kann Katts Einwand, sie habe sich das mit dem Besuch anders
vorgestellt, wirklich nicht nachvollziehen, denn sie selbst, Fredda, die
sich doch immer als Beziehungsbarometer empfindet, sie fühlt sich
doch so wohl!
Fredda kommt von ihrer Begeisterung und dem neu entdeckten Verhaltensmuster
»was tun, wenn Besuch kommt« nicht runter und so merkt sie
wirklich erst bei Katts bestimmtem „Ich will auf meinen Stuhl“, was geschehen
ist. Sie sieht zum ersten Mal Katts Not.
In der alten Textfassung hätte Katt bereits jetzt die entscheidende
Beziehungsfrage gestellt. Fredda, die davon regelrecht überrascht
wurde, mußte sich bis dahin keiner wirklichen Beziehungsfrage oder
gar Verantwortung stellen. Fredda darf so herrlich naiv sein! Jetzt kommt
Fredda aber nicht mehr so einfach davon …
Spätestens
jetzt ist Fredda sich der Beziehungsdynamik bewußt geworden und entscheidet
sich in der nächsten Runde (nach Geigenbogenbruch) für Miranda.
Sie versucht wohl zuerst mit Katt das Problem zu lösen (man kann sie
doch nicht, das geht doch so nicht), aber als Katt nichts davon hören
will, akzeptiert sie diese Entscheidung und entscheidet sich auch. Sie
flüstern eben...
Fredda hat sich entwickelt, ist spontaner geworden. Sie braucht jedoch
dafür ein ihr absolut treues Gegenüber, auf das sie sich beziehen
kann. Fredda bindet Miranda fest an sich und tut nichts, um Katt aus der
Isolation zu holen. Auch Fredda hätte die Möglichkeit das provozierende
Zweierspiel zu beenden, aber sie tut es nicht. Zu schön klingt es
in ihren Ohren: „Ich verstehe mich mit dir viel besser, Fredda“. Erst als
Katt sagt, „das mache ich nicht mit“, zerbricht auch Freddas Glaube an
die offene Dreierbeziehung (die aus Freddas Sicht, auf wessen Kosten auch
immer, bestanden hatte). I can't live with or without you. Ein Wechselbad
der Gefühle folgt, jede neue Konstellationsmöglichkeit läßt
einen Film vorangegangener Szenen ablaufen.
l. Ich gehe - ihr beide zusammen? Quatsch, größte Unverschämtheit,
habe nie im Traum daran gedacht, hast du das gesagt, Katt? Hast du das?
Nein. Na also.
2. Katt geht - Miranda und ich allein .... schon, aber... hier in unserem
Raum, das ist doch dein Stuhl, Katt, und was soll ich mit Miranda sprechen,
wenn du (unser Thema) nicht mehr da wärst, und überhaupt meine,
unsere Vergangenheit, schön hier war's, zwei, zwei, zwei,.. - also:
3. Miranda muß gehn. Wird das Beste sein. Ich red' mit ihr. Miranda
gibt aber nicht so schnell auf, geht nicht einfach, obwohl ich es ihr doch
gesagt habe. Ganz schön hartnäckig. So. Jetzt ist aber auch genug.
Raus!
Wieder wir
beide. Erst mal runterkommen. Beruhigung. Ich lese dir was vor. Du sitzt
nahe neben mir, wir berühren uns. Alles wird gut. Sie wird (muß)
nach und nach verschwinden, und ich bleibe hier. Und du? „Wahrscheinlich“.
… Aha …
Die alte Angst kehrt zurück, unsere alte Struktur nimmt uns wieder
in Empfang. Du weißt es nicht so genau - sagst du. All das Loslassenkönnen
wird wieder zum Festhaltenmüssen. Wir sind wieder zusammen. Schön.
Lustige Stelle im Buch. Wir lachen gemeinsam. Neue Chance? Was meinst Du?
„Wir werden sehn…“
Was bleibt
zurück? Das Wissen um die Abhängigkeit vom Gegenüber, ohne
das es kein »Ich« gibt für Fredda. Das »Du«,
und sei es noch so einzigartig empfunden, ist jedoch aus-tauschbar. Das
könnte eine Art unbewusste Erkenntnis für Fredda am Ende sein
(durchaus ernüchternd). Rückbesinnung auf die »gute alte
Beziehung«, auch aus Mangel an Mut zur viel--leicht richtigen Konsequenz
einer Trennung.
Katt und Fredda
werden sich nicht trennen. Beide spüren, daß es eigentlich nicht
genauso werden kann »wie früher«, es sei denn, jede hält
sich wieder strikt an das altbewährte Beziehungsmuster.
Wieder haben sie eine »Reise« hinter sich gebracht, auch diese
war voller Angst und Sehnsucht und anderen Hindernissen. Sie sind wieder
angekommen.
Im Trockenen.
(Daniela
Mohr)
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