Käthi
B.
von
Beat Fäh
Freiburger Fassung von Dieter Kümmel, Stephan Weiland
Erich Kästner
Die Ballade vom Nachahmungstrieb
Es ist schon wahr: Nichts
wirkt so rasch wie Gift!
Der Mensch, und sei er noch so minderjährig,
ist, was die Laster dieser Welt betrifft,
Früh bei der Hand und unerhört gelehrig.
Im Februar, ich weiß
nicht am wievielten,
geschahs, auf irgendeines Jungen Drängen,
daß Kinder, die im Hinterhofe spielten,
beschlossen, Naumanns Fritzchen aufzuhängen.
Sie kannten aus der
Zeitung die Geschichten,
in denen Mord vorkommt und Polizei.
Und sie beschlossen, Naumann hinzurichten,
weil er, so sagten sie, ein Räuber sei.
Sie steckten seinen
Kopf in eine Schlinge.
Karl war der Pastor, lamentierte viel
und sagte ihm, wenn er zu schrein anfinge
verdürbe er den anderen das Spiel.
Fritz Naumann äußerte,
ihm sei nicht bange.
Die anderen waren ernst und führten ihn.
Man warf den Strick über die Teppichstange,
und dann begann man, Fritzchen hochzuziehen.
Er sträubte sich.
Es war zu spät. Er schwebte.
Dann klemmten sie den Strick am Haken ein.
Fritz zuckte, weil er noch ein bißchen lebte.
Ein kleines Mädchen zwickte ihn am Bein.
Er zappelte ganz stumm,
und etwas später
Verkehrte sich das Kinderspiel in Mord.
Als das die sieben kleinen Übeltäter
erkannten, liefen sie erschrocken fort.
Noch wußte niemand
von dem armen Kinde.
Der Hof lag still. Der Himmel war blutrot.
Der kleine Naumann schaukelte im Winde.
Er merkte nichts davon, denn er war tot.
Frau Witwe Zickler,
die vorüberschlurfte,
lief auf die Straße und erhob Geschrei,
obwohl sie doch dort gar nicht schreien durfte.
Und gegen sechs erschien die Polizei.
Die Mutter fiel in
Ohnmacht vor dem Knaben.
Und beide wurden rasch ins Haus gebracht.
Karl, den man festnahm, sagte kalt: "Wir haben
es nur wie die Erwachsenen gemacht."
Der Ballade liegt ein
Pressebericht aus dem Jahre 1930 zugrunde.
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