Der Autor dieses Stücks Tankred Dorst hat einen vielschichtigen und komplexen Text geschaffen; eine verschlungene und unebene Erzählung, die den Leser nicht auf einem einzigen Weg, sondern auf unterschiedlichen Wegen ans Ziel führt, und manchmal entlässt er ihn auch auf einem unbekannten Weg, damit der Leser sich selbst zu einer Entdeckungsreise aufmacht.
Als die Zuschauer in den Theatersaal eintraten, betraten sie von Anfang an eine merkwürdige Welt. Es war nicht vorgesehen, dass man im Zuschauerraum sitzt, sondern die Zuschauer wurden auf die Bühne geführt, wo Sitzbänke aufgestellt waren und von wo aus sie an der Seite der Schauspieler eine Aufführung betrachten sollten, die seltsam und einfallsreich war. Der Regisseur dieses Stücks, Dieter Kümmel, verfügt über eine außergewöhnliche Kreativität und Schöpfungskraft. Mit einer faszinierenden Musik und mit professionellen Sängern, die während der Aufführung mit ihrem Gesang den Text der Schauspieler komplettieren, hat er es geschafft, eine durch und durch dramatische Atmosphäre zu erzeugen – eine dramatische und spannende Atmosphäre, die mit dem Inhalt des Stücks, das aus Aggression und Korruption besteht, in einem offenbaren und doch schönen Widerspruch steht.
Besetzt war die Rolle des Hauptdarstellers Parzival mit drei Schauspielern, um dem Zuschauer die verschiedenen Phasen des Lebens von Parzival und seinen enormen Wandel vor Augen zu führen.
Dieter Kümmel ist ein wahrer Könner, wenn es darum geht, beim Zuschauer Schock und Verwunderung hervorzurufen. Denn während er uns ein Stück über Aggression und den Tod vorführt, setzt er gleichzeitig heitere, ja komische Elemente ein; damit verwickelt er den Zuschauer in Ernst und Spiel, Komik und Dramatik. In Wahrheit spielt sich sein Stück in einer vollkommen paradoxen Zusammenstellung ab: das Zeigen von Aggression zusammen mit einer ruhigen Melodie und dem schönen Gesang von professionellen Sängern und dazu noch der Einsatz von komischen Elementen in einem ernsten und dramatischen Aufführung! Der Regisseur Kümmel hat ein besonderes Augenmerk für die Erzeugung von Distanz. Von jenem Anfang an, als der Zuschauer auf der Bühne neben den Schauspielern Platz nimmt, fängt diese Distanzierung an und im Verlauf der Aufführung werfen manche Handlungen und Reden der Schauspieler den Zuschauer einen Augenblick lang aus dem Stück. Er leitet seine Gruppe derart, dass sie in einem kleinen und begrenzten Raum über eine maximale Bewegungsfreiheit und Entfaltungsmöglichkeit verfügt. Vielleicht kann man Dieter Kümmel mit einem unparteiischen Schiedsrichter vergleichen, einem Schiedsrichter, der sowohl die Zuschauer im Blick hat als auch die Schauspieler und die Textvorlage.
Das Bühnenbild dieses Stückes ist außerordentlich merk- und denkwürdig; viele Vorhänge, der Boden bedeckt mit Sand, ein vertrockneter Baum und ein zerbrochenes Klavier, Gerüstmaterial und ein großes Zelt! All das ist im kleinstmöglichen Raum und in bestmöglicher, logischster Weise angeordnet. In einer Szene, während die Schauspieler reden und spielen, wird ein großes Zelt, welches die gesamte Bühne einnimmt, aufgebaut, und das in weniger als drei Minuten: der Aufbau eines neuen Bühnenbildes in kürzester Zeit während das Stück weiterläuft!
Die Kostüme sind einfach, zugleich ungewöhnlich (Parzivals erstes Hemd hat sechs Ärmel!), und sie sind der Textgrundlage angemessen gewählt worden. Die Kostümentwürfe unterstützen den Regisseur und die Schauspieler bei ihrer Arbeit merklich und tragen durch ihre Angemessenheit insbesondere zur Glaubwürdigkeit letzterer in ihren Rollen bei.
Und die Schauspieler dieses Stücks: Daniela Mohr, Renate Obermaier, Kirsten Trustaedt, Dietmar Kohn und… sind alle hochtalentierte Männer und Frauen voller Energie, von denen einige auf der Bühne eins mit ihren Rollen geworden sind; Schauspieler, die von Wut und Hoffnungslosigkeit erzählen, die aber im Augenblick ihres Abschieds vom iranischen Publikum ein Lächeln der Freundschaft auf ihren Lippen hatten!...