Ein Papierkleid war die erste Assoziation zu den Kostümen für die
Brontes, etwas Fragiles aus dem kostbaren Material, das ihnen die Möglichkeit
bot, die Welt zu betreten, in der ihre Sehnsüchte zu tanzenden Wirklichkeiten
werden würden.
Würden sich diese Sehnsüchte über Kulturkreise hinweg teilen
lassen? Wir hatten grosse Lust das herauszufinden. -
So zogen wir los und besorgten uns um die Ecke des Hotels am Kiosk alte Zeitungen.
Ein Unterfangen, das viel Amüsement auslöste, mit grosser Hilfsbereitschaft
von der Laufkundschaft unterstützt wurde, und uns einen grossen Stapel
„Zypressen“ voller Heiratsanzeigen einbrachte.
Ein Hotelzimmer diente uns als Atelier und innerhalb einer Stunde hatten wir
ein Modell zusammengenäht.
Wohlgerüstet mit dem Kleid auf dem Bügel, einer grossen Rolle Papier,
viel Sprühkleber und den wunderbaren Sätzen der Schwestern stiegen
wir gutgelaunt ins Taxi, gespannt der Dinge harrend ,die da auf uns zukommen
sollten.
Die Fahrt durchs alltägliche Teheraner Chaos endete vor einer Oase der
Ruhe. Das Künstlerhaus, in dem man uns für zwei Stunden einen wunderschönen
Raum zugewiesen hatte, ist eine relativ neue Stiftung im Art-Deco-Stil, in
dem sich Ateliers und Galerieräume befinden, in etwa vergleichbar mit
hiesigen Kunstvereinen. Ein Freiraum voller ästhetischer Harmonie und
Abgeschiedenheit inmitten einer 12 Millionen Stadt.
Noch sind wir allein, wir öffnen die leinenverhangenen Fenster, ein unübliches
Vorgehen in diesem Land, in dem so vieles Schönes, Lebendiges versteckt
wird, im Geheimen stattfinden muss.
Wir werden nicht herausfinden, wie Informationen verbreitet werden, aber wir
sind glücklich, als nach und nach 17 junge Frauen und drei blutjunge
Reporterinnen uns mit ihren interessierten, direkten und offenen Blicken erkunden.
Unsere wunderbare Dolmetscherin, eine bekannte Kostümbildnerin, ungarisch
- iranisch Herkunft, erklärt den jungen Frauen, die, nachdem die Tür
sich geschlossen hat, längst Kopftücher und die Einheitsmäntel
abgelegt haben, und uns nun als modische Schönheiten umringen, die drei
Sätze, von denen jeder für eine der drei Schwestern steht.
Wir haben ausgewählt und getippt, welche die meisten Anhänger finden
würde - wir lagen falsch!
Anne mit ihrem festen Grundsatz : „Man kann nicht irren, wenn man mit
ganzer Seele liebt“ findet bei den Iranerinnen den wenigsten Anklang,
sie winken ab, die romantische Liebe können sich diese Frauen nicht leisten.
Charlottes Wunsch „Ich möchte etwas machen aus meinem Leben!“
haben die jungen Frauen verinnerlicht. Am meisten aber identifizieren sich
die Iranerinnen mit der Figur der Emily, der rebellischen, freien, die sich
danach sehnt, dass „jeder Mensch etwas hat ,das nur ihm ganz allein
gehört, etwas, das er mit niemandem teilen kann.“
So bilden sich drei sehr unterschiedliche Gruppen, wir reichern den ersten
Eindruck mit noch drei weiteren Sätzen der jeweiligen Figuren an und
bitten sie ihre Assoziationen, ihre Gefühle aufzuschreiben - ein spannender
Moment, werden sie sich darauf einlassen?
Aber die Erfahrung, die wir in den letzten Tagen auch schon in anderen Situationen
gemacht haben wiederholt sich – iranische Frauen haben eine grosse Spontaneität,
Direktheit und Offenheit, sie wollen sich mitteilen! Die jungen Frauen beschreiben
auf drei grossen Blättern ihre Innenwelten mit Vehemenz, mit grosser
Kraft, sie sind kaum zu stoppen, wir aber müssen leider Zeiträume
einhalten. Aus den drei Papieren formen wir ein grosses Kleid, ein gemeinsames
Bild. Wir können diese Zeichen nicht lesen, für uns bilden sie ein
wunderschönes Mosaik - die Iranerinnen aber wollen uns die Zeichen deuten,
mit Hilfe der Dolmetscherin wird das Geschriebene wieder aus den Falten und
Tiefen gezogen und sie breiten vor uns einen Teppich voll poetischer Kraft,
ein Muster aus Phantasie, Liebe und Wut, Isolation, dem Wunsch nach Selbstbestimmung,
nach Nähe, nach Ferne, sie öffnen uns ihre Welt. Diese Welt unterscheidet
sich von der unseren nicht im Inneren, nur in ihrer äusseren Ausprägung!
Wir sind ein wenig erschöpft von soviel Offenheit, erfrischt von der
Kraft, die sie verströmt. Die Sätze nun körperlich darzustellen,
bietet eine neue Möglichkeit sich auszudrücken, die Frauen formen
einander und alle diskutieren wild, wie man das Bild noch verstärken
könnte. Wir möchten diese Begeisterungsfähigkeit festhalten
und photographieren, werden aber freundlichst darauf hingewiesen, dass dies
ein privater Rahmen ist und sie „so“ nicht veröffentlicht
werden wollen.
Unsere zwei gemeinsamen Stunden sind längst überschritten, Tee und
Gebäck weisen uns sanft drängend darauf hin, dass diese Intimität
ein Ende finden muss, die Kopftücher wieder aufgesetzt werden müssen,
und die öffentliche Form wieder ihren Platz einnehmen wird!
Wir tauschen noch unsere privaten Erfahrungen mit dem Zusammenbruch der jeweiligen
Vorurteile, Email – Adressen wechseln die Taschen - heute Abend sehen
wir uns zur Vorstellung - wir haben uns genähert - uns, und den Brontes,
es sind die selben Themen, durch Zeiten und Welten!
