Die IRAN - Gastspielreise des Theaters im Marienbad

11. – 25 Oktober 2003


   

«...stärker als die Wut auf das System»

von Renate Obermaier

„Als ich zu Beginn der 90er Jahre das erste Mal nach Iran reiste, fuhr ich... mit gemischten Gefühlen. Zu einseitig waren die Berichte und Bilder, die in den westlichen Medien vermittelt wurden: Man glaubte das Land voller `mittelalterlicher` Mullahs...,düster gekleideter und unterdrückter Frauen – Menschen, die sich dem Kampf gegen alles Westliche verschrieben hatten. Doch als ich die Menschen im Land näher kennenlernte, wurde ich bald eines Besseren belehrt...denn auch für Iran gilt die Binsenweisheit, daß zwischen dem Volk und den Regierenden zu unterscheiden ist“, schreibt Claudia Stodte im Vorwort zu ihrem Iran-Reiseführer.

74 Peitschenschläge für eine iranische Schauspielerin, die ihren Regisseur bei einer Preisverleihung auf die Stirn geküßt hatte – diese Notiz las ich etwa zwei Wochen vor unserer Reise und konnte immer weniger die leuchtenden Augen aller Freiburger Isfahan - Reisenden begreifen; ja, haben die denn die Brutalität des herrschenden Systems, das seinem Volk die islamischen Glaubensvorschriften buchstäblich einpeitschen will, völlig vergessen? Erliegen sie alle dem Charme des sog. Orients, so daß sie einem nur noch von der sog. Emanzipiertheit der iranischen Frauen begeistert erzählen können („weißt du, die Frauen sind in fast allen Berufen vertreten, 40% der Studierenden sind weiblich, und die Frauen haben ein grosses Sebstbewußtsein...“).

Jetzt habe ich selber leuchtende Augen in Erinnerung an unsere Tage in Isfahan und Teheran. Woran liegt's?
An dem Salam, mit dem uns der Hotelportier begrüßt, den Kopf leicht neigend, die rechte Hand auf dem Herzen? An der unbewegten Miene des Kellners, wenn man darauf hinweist, dass man schon vor einer halben Stunde Tee bestellt hat; irgendwann bringt er den Tee, ohne jede Entschuldigung, als ob er sagen wollte: „Bei uns geht’s ein wenig langsamer zu, seien Sie nicht so hastig!“ An dem „hallo, you’re welcome, how are you“, das einem von Frauen, Kindern und jungen Männern ständig entgegenschallt, sobald man das Hotel verläßt? Wenn man zurück grüßt, hört man ein freudiges, halb verschämtes Lachen, und manchmal fassen Passanten den Mut zu einem kurzen Gespräch – zum Austausch von Höflichkeiten, Informationen und email-Adressen. Und man spürt den Drang „nach dem Westen“, das Bedürfnis nach Kontakt und die vage Sehnsucht, das Land, den Iran, zu verlassen, dem politischen Druck, der Unfreiheit und wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit zu entfliehen. Aber all diese Gespräche verlaufen ohne Aufdringlichkeit und ohne Anbiederei.
Selbst gegenüber den Händlern auf dem Basar bzw. ihren Lockvögeln, die potentielle Kunden zu den entsprechenden Verkaufsständen führen sollen, muss man sich nicht gegen ein marktschreierisches Gebaren zur Wehr setzen, im Gegenteil: Wenn man kauft, kauft man gerne – nicht nur wegen der niedrigen Preise.
Bei „unserem“ Teppichhändler tranken wir auch Tage nach getätigtem Kauf immer wieder Tee, einfach so, um zu plaudern und die Zeit verstreichen zu lassen.
Es ist die Art der Menschen, die einen bezaubert, nicht nur die Schönheit der Moscheen, Basare, Plätze und Schriftzeichen. Eine gewisse Vorsicht, etwas Leises, Zurückhaltendes, für uns unbekannt Würdiges geht von ihnen aus – als ob sie immer auf Teppichen laufen würden.
Warum niesen die Menschen so laut, fragt man sich, wenn man in die heimatlichen Gefilde wieder zurückgekehrt ist.
Laut dagegen ist der Verkehr in den iranischen Großstädten. Stinkend und hupend raubt er einem nicht nur die Luft zum Atmen, sondern macht auch jede Straßenüberquerung zur Mutprobe. Hier scheint nur das Recht des Stärkeren zu existieren, und am stärksten sind die allgegenwärtigen, knatternden, quäkenden, slalomfahrenden Mopeds.
Doch auch dieser ganze motorisierte Straßendschungel erstickt nicht die Freude an den kurzen Blick - Begegnungen auf den Gehsteigen. Besonders mit den Frauen! Was für Schönheiten! Einen Trost hat die islamische Kleiderordnung: Sie verhüllt nicht nur, sie betont auch die Schönheit der Frauen. Von schwarzen oder farbigen Kopftüchern umrahmt, leuchten die Gesichter der „Frauen aus dem Morgenland“ dunkeläugig und offen. Natürlich gibt es auch die „Krähen“, jene düster verbiesterten Gestalten, die den Tschador mit den Zähnen festhalten, sodaß auch der Mund noch verhüllt bleibt. Von ihnen erhaschte ich kaum einen offenen Blick, im Gegenteil: Meine Anwesenheit in ihrem Land schien unerwünscht. Und bei ihnen, so mein Eindruck, findet das Mullahregime noch starken Rückhalt. Doch das sind wenige im Vergleich zu den zahllosen offenen freundlichen interessierten Gesichtern. Und endlich gibt's unter Frauen mal keine gegenseitige Taxierung nach dem Marktwert, sondern vor allem Fragen: Wie denken, fühlen, leben, lieben, arbeiten die jeweils anderen? Die Offenheit dieser elementaren Fragen, die in den Augen vieler Passantinnen, wenn auch nur stumm, aufgeleuchtet hat, war das, was mich auf den Straßen Isfahans am meisten erstaunt hat.

Und die Aufführungen? Sie waren wie ein Rausch. Es gab das übliche Lampenfieber (das sich v.a. auf das Finden der Requisiten und Auf- und Abgänge in fremden Gastspielorten bezieht), aber dieses Lampenfieber war frei von jeder persönlichen Eitelkeit. Es war eher ein fiebriger Drang, unsere Geschichte, unsere Version des Parzival- Mythos zu erzählen.
Und seltsam: Unsere „ausgestellte“, gestisch breite, bilderreiche Spielweise schien in diesem Land am rechten Ort zu sein. Als ich in Isfahan mit meinem Gahmuret auf dem Rücken die Schulhofbühne betrat, fühlte ich mich mit unserer Art, Theater zu spielen, verblüffend heimisch.
Und manche Sätze, schon hundertmal auf der Marienbad - Bühne gesagt, gewannen plötzlich eine andere aktuellere Brisanz. „Die Menschen sind anders. Sie töten mit Absicht. Sie streiten, stechen, kämpfen, schlagen aufeinander ein“, sagt Herzeloide zu Parzival. War da heute mittag neben dem Bademantel- und Handtuchgeschäft nicht eine dichtverhüllte Tschadorfrau, die ihren Sohn im Rollstuhl vor sich herschob? Der Sohn bettelte mit schnarrender Stimme, er hatte ein blauweiß - kariertes Hemd an und keine Beine mehr. Wie lange ist der Iran - Irakkrieg her?
Beim zweiten Teil unseres Parziva l- Epos, der u. a. davon handelt, wieviel Unglück alle Glück verheißenden politischen Ideologien über die Menschheit bringen, wünschte ich mir dringlich, dass die Übersetzung funktioniert, und das war nicht immer selbstverständlich. Doch seltsamer weise spürte ich gegenüber der unheimlich schwarzen Masse unseres Publikums (die meisten Männer hatten schwarze Bärte , und die meisten Frauen hatten schwarze Kopftücher) nie die aufklärerische Überlegenheit der Besser- oder Bescheidwissenden, sondern eher eine Art von Neugierde und fragender Gespanntheit, wie sich unsere Sätze und Bilder mit den
Gedanken unserer Zuschauer verbinden.
Dass die gegenseitige Fremdheit unsrer Welten zumindest für die Momente von ein paar Theaterabenden überbrückbar ist, diesen Eindruck hatten wir, die wir spielten; in den anschließenden Diskussionen schien diese emotionale Verständigung, die während der Aufführungen stattgefunden hatte, wieder unwegsamer.
Aber vielleicht ist diese in rationaler Rede gar nicht so genau greifbare emotionale Verständigung, die sich bei einer solchen Theaterreise ereignen kann, deren eigentlicher Zweck.

P. S. : Ich bin immer noch entsetzt über die 74 Peitschenschläge. Aber der Eindruck der Menschen, denen ich v.a. auf der Straße begegnet bin, war stärker als die Wut auf das System. Oder anders gesagt: Ich glaube jetzt gesehen und gespürt zu haben, daß die Mehrheit der Bevölkerung das herrschende Mullahsystem ablehnt; und wenn ich höre, dass iranische Eltern darauf dringen, dass ihre Töchter pünktlichst nach Hause kommen, weil sie sonst vor Angst vergehen – denn die Töchter könnten wegen „Kopftuchverrutschens“ von der Sittenpolizei plötzlich festgenommen worden sein -, so fühle ich jetzt ganz anders mit als vor unsrer Reise: sowohl mit den Eltern wie mit den Töchtern.

 

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