«...stärker als die Wut auf das System»
von Renate Obermaier
„Als ich zu Beginn der 90er Jahre das erste Mal nach
Iran reiste, fuhr ich... mit gemischten Gefühlen. Zu einseitig waren
die Berichte und Bilder, die in den westlichen Medien vermittelt wurden:
Man glaubte das Land voller `mittelalterlicher` Mullahs...,düster
gekleideter und unterdrückter Frauen – Menschen, die sich dem
Kampf gegen alles Westliche verschrieben hatten. Doch als ich die Menschen
im Land näher kennenlernte, wurde ich bald eines Besseren belehrt...denn
auch für Iran gilt die Binsenweisheit, daß zwischen dem Volk
und den Regierenden zu unterscheiden ist“, schreibt Claudia Stodte
im Vorwort zu ihrem Iran-Reiseführer.
74 Peitschenschläge für eine iranische Schauspielerin,
die ihren Regisseur bei einer Preisverleihung auf die Stirn geküßt
hatte – diese Notiz las ich etwa zwei Wochen vor unserer Reise und
konnte immer weniger die leuchtenden Augen aller Freiburger Isfahan -
Reisenden begreifen; ja, haben die denn die Brutalität des herrschenden
Systems, das seinem Volk die islamischen Glaubensvorschriften buchstäblich
einpeitschen will, völlig vergessen? Erliegen sie alle dem Charme
des sog. Orients, so daß sie einem nur noch von der sog. Emanzipiertheit
der iranischen Frauen begeistert erzählen können („weißt
du, die Frauen sind in fast allen Berufen vertreten, 40% der Studierenden
sind weiblich, und die Frauen haben ein grosses Sebstbewußtsein...“).
Jetzt habe ich selber leuchtende Augen in Erinnerung an unsere
Tage in Isfahan und Teheran. Woran liegt's?
An dem Salam, mit dem uns der Hotelportier begrüßt, den Kopf
leicht neigend, die rechte Hand auf dem Herzen? An der unbewegten Miene
des Kellners, wenn man darauf hinweist, dass man schon vor einer halben
Stunde Tee bestellt hat; irgendwann bringt er den Tee, ohne jede Entschuldigung,
als ob er sagen wollte: „Bei uns geht’s ein wenig langsamer
zu, seien Sie nicht so hastig!“ An dem „hallo, you’re
welcome, how are you“, das einem von Frauen, Kindern und jungen
Männern ständig entgegenschallt, sobald man das Hotel verläßt?
Wenn man zurück grüßt, hört man ein freudiges, halb
verschämtes Lachen, und manchmal fassen Passanten den Mut zu einem
kurzen Gespräch – zum Austausch von Höflichkeiten, Informationen
und email-Adressen. Und man spürt den Drang „nach dem Westen“,
das Bedürfnis nach Kontakt und die vage Sehnsucht, das Land, den
Iran, zu verlassen, dem politischen Druck, der Unfreiheit und wirtschaftlichen
Perspektivlosigkeit zu entfliehen. Aber all diese Gespräche verlaufen
ohne Aufdringlichkeit und ohne Anbiederei.
Selbst gegenüber den Händlern auf dem Basar bzw. ihren Lockvögeln,
die potentielle Kunden zu den entsprechenden Verkaufsständen führen
sollen, muss man sich nicht gegen ein marktschreierisches Gebaren zur
Wehr setzen, im Gegenteil: Wenn man kauft, kauft man gerne – nicht
nur wegen der niedrigen Preise.
Bei „unserem“ Teppichhändler tranken wir auch Tage nach
getätigtem Kauf immer wieder Tee, einfach so, um zu plaudern und
die Zeit verstreichen zu lassen.
Es ist die Art der Menschen, die einen bezaubert, nicht nur die Schönheit
der Moscheen, Basare, Plätze und Schriftzeichen. Eine gewisse Vorsicht,
etwas Leises, Zurückhaltendes, für uns unbekannt Würdiges
geht von ihnen aus – als ob sie immer auf Teppichen laufen würden.
Warum niesen die Menschen so laut, fragt man sich, wenn man in die heimatlichen
Gefilde wieder zurückgekehrt ist.
Laut dagegen ist der Verkehr in den iranischen Großstädten.
Stinkend und hupend raubt er einem nicht nur die Luft zum Atmen, sondern
macht auch jede Straßenüberquerung zur Mutprobe. Hier scheint
nur das Recht des Stärkeren zu existieren, und am stärksten
sind die allgegenwärtigen, knatternden, quäkenden, slalomfahrenden
Mopeds.
Doch auch dieser ganze motorisierte Straßendschungel erstickt nicht
die Freude an den kurzen Blick - Begegnungen auf den Gehsteigen. Besonders
mit den Frauen! Was für Schönheiten! Einen Trost hat die islamische
Kleiderordnung: Sie verhüllt nicht nur, sie betont auch die Schönheit
der Frauen. Von schwarzen oder farbigen Kopftüchern umrahmt, leuchten
die Gesichter der „Frauen aus dem Morgenland“ dunkeläugig
und offen. Natürlich gibt es auch die „Krähen“,
jene düster verbiesterten Gestalten, die den Tschador mit den Zähnen
festhalten, sodaß auch der Mund noch verhüllt bleibt. Von ihnen
erhaschte ich kaum einen offenen Blick, im Gegenteil: Meine Anwesenheit
in ihrem Land schien unerwünscht. Und bei ihnen, so mein Eindruck,
findet das Mullahregime noch starken Rückhalt. Doch das sind wenige
im Vergleich zu den zahllosen offenen freundlichen interessierten Gesichtern.
Und endlich gibt's unter Frauen mal keine gegenseitige Taxierung nach
dem Marktwert, sondern vor allem Fragen: Wie denken, fühlen, leben,
lieben, arbeiten die jeweils anderen? Die Offenheit dieser elementaren
Fragen, die in den Augen vieler Passantinnen, wenn auch nur stumm, aufgeleuchtet
hat, war das, was mich auf den Straßen Isfahans am meisten erstaunt
hat.
Und die Aufführungen? Sie waren wie ein Rausch. Es gab
das übliche Lampenfieber (das sich v.a. auf das Finden der Requisiten
und Auf- und Abgänge in fremden Gastspielorten bezieht), aber dieses
Lampenfieber war frei von jeder persönlichen Eitelkeit. Es war eher
ein fiebriger Drang, unsere Geschichte, unsere Version des Parzival- Mythos
zu erzählen.
Und seltsam: Unsere „ausgestellte“, gestisch breite, bilderreiche
Spielweise schien in diesem Land am rechten Ort zu sein. Als ich in Isfahan
mit meinem Gahmuret auf dem Rücken die Schulhofbühne betrat,
fühlte ich mich mit unserer Art, Theater zu spielen, verblüffend
heimisch.
Und manche Sätze, schon hundertmal auf der Marienbad - Bühne
gesagt, gewannen plötzlich eine andere aktuellere Brisanz. „Die
Menschen sind anders. Sie töten mit Absicht. Sie streiten, stechen,
kämpfen, schlagen aufeinander ein“, sagt Herzeloide zu Parzival.
War da heute mittag neben dem Bademantel- und Handtuchgeschäft nicht
eine dichtverhüllte Tschadorfrau, die ihren Sohn im Rollstuhl vor
sich herschob? Der Sohn bettelte mit schnarrender Stimme, er hatte ein
blauweiß - kariertes Hemd an und keine Beine mehr. Wie lange ist
der Iran - Irakkrieg her?
Beim zweiten Teil unseres Parziva l- Epos, der u. a. davon handelt, wieviel
Unglück alle Glück verheißenden politischen Ideologien
über die Menschheit bringen, wünschte ich mir dringlich, dass
die Übersetzung funktioniert, und das war nicht immer selbstverständlich.
Doch seltsamer weise spürte ich gegenüber der unheimlich schwarzen
Masse unseres Publikums (die meisten Männer hatten schwarze Bärte
, und die meisten Frauen hatten schwarze Kopftücher) nie die aufklärerische
Überlegenheit der Besser- oder Bescheidwissenden, sondern eher eine
Art von Neugierde und fragender Gespanntheit, wie sich unsere Sätze
und Bilder mit den
Gedanken unserer Zuschauer verbinden.
Dass die gegenseitige Fremdheit unsrer Welten zumindest für die Momente
von ein paar Theaterabenden überbrückbar ist, diesen Eindruck
hatten wir, die wir spielten; in den anschließenden Diskussionen
schien diese emotionale Verständigung, die während der Aufführungen
stattgefunden hatte, wieder unwegsamer.
Aber vielleicht ist diese in rationaler Rede gar nicht so genau greifbare
emotionale Verständigung, die sich bei einer solchen Theaterreise
ereignen kann, deren eigentlicher Zweck.
P. S. : Ich bin immer noch entsetzt über die 74 Peitschenschläge.
Aber der Eindruck der Menschen, denen ich v.a. auf der Straße begegnet
bin, war stärker als die Wut auf das System. Oder anders gesagt:
Ich glaube jetzt gesehen und gespürt zu haben, daß die Mehrheit
der Bevölkerung das herrschende Mullahsystem ablehnt; und wenn ich
höre, dass iranische Eltern darauf dringen, dass ihre Töchter
pünktlichst nach Hause kommen, weil sie sonst vor Angst vergehen
– denn die Töchter könnten wegen „Kopftuchverrutschens“
von der Sittenpolizei plötzlich festgenommen worden sein -, so fühle
ich jetzt ganz anders mit als vor unsrer Reise: sowohl mit den Eltern
wie mit den Töchtern.
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