Die IRAN - Gastspielreise des Theaters im Marienbad

11. – 25 Oktober 2003


   

Badische Zeitung vom Donnerstag, 27. November 2003

Theatertraum in Isfahan

BZ-INTERVIEW mit Dieter Kümmel über die Iran-Reise des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters

Vom 11. bis zum 25. Oktober hat das Freiburger Kinder- und Jugendtheater eine Gastspielreise nach Isfahan und Teheran unternommen. Über die Eindrücke dieser ungewöhnlichen Tournee sprach Elisabeth Kiderlen mit dem Leiter des Theaters, Dieter Kümmel.

BZ: Ihr Fazit der Reise nach Isfahan?

Dieter Kümmel: Dass manchmal alles anders ist als befürchtet. Das Gastspiel konnte trotz entgegengesetzter Ankündigung stattfinden. Die Entfremdung, das "andere", verlor sich im Nichts. Alles war bestens organisiert, die Begegnungen von Höflichkeit und gegenseitigem Interesse geprägt. Die Menschen sind höflich, gebildet und waren voller Neugier auf das Theater und den Parzival-Stoff. Die Reise war der Beginn von etwas Neuem !

BZ: In der Presse waren Sie nicht sehr präsent. In Isfahan gab es nur zwei kleine Artikel über Ihr Gastspiel.

Kümmel: Es ist schwer, dies zu bestätigen. Einmal wissen wir nicht, ob es dort üblich ist, wie bei uns Theaterkritiken zu schreiben. Und wir haben die Stadt nach der zweiten Vorstellung Richtung Teheran verlassen, ein Feiertag lag dazwischen. Andererseits waren zwölf Journalisten bei der Pressekonferenz, das staatliche Fernsehen hat die Aufführungen mitgeschnitten. Bleibt abzuwarten, was an Medienreaktionen veröffentlicht wird. Es dauert dort alles seine Zeit, das haben wir gelernt. Unsere Gastspiele wurden auch nicht öffentlich angekündigt. Viele Isfahaner haben gesagt, dass wir mindestens eine Woche vor ausverkauftem Haus hätten spielen können. Unsere beiden Aufführungen waren überfüllt.

BZ: Wenn die neue Stadtregierung Isfahans gegen Ihre Auftritte war, warum haben Sie dann doch spielen können?

Kümmel: Die Kulturhoheit liegt in Teheran beim Dramatic Arts Center. Der Erschad, die Kulturbehörde, die für die Einhaltung islamischer Sitten bei kulturellen Veranstaltungen verantwortlich ist, war einverstanden mit "Parzival". Auch der Erschad der Provinz Isfahan. Die Stadt wohl nicht. Aus welchen Gründen, ist schwer einzuschätzen. Vielleicht ist es die konservative Haltung, vielleicht auch die Sorge, dass eine fundamentalistische Gruppierung, wie angedeutet wurde, uns das Bühnenbild zerstören könnte, was dann in westlichen Medien verbreitet werden könnte und das Negativbild vom Iran verstärkt hätte.

BZ: Mit dem neuen Bürgermeister von Isfahan hatten Sie nichts zu tun?

Kümmel: Nein, außer dass ein Teil der Reisekosten für die 40-köpfige Kulturdelegation übernommen wurde und wir ein Geschenk für die Stadt Freiburg mitgebracht haben. Aber die Kontakte mit der Zensurbehörde und dem Kulturministerium waren herzlich und konkret. Wichtig ist in Zeiten der Polarisierung, des Freund-Feind-Schemas der "Dialog zwischen den Kulturen", wie Chatami schon 1998 sagte. Im Moment spiegeln das Dramatic Arts Center und die Kulturbehörde der Provinz Isfahan diese Politik wider. Hier wurden wir in die Pflicht genommen, Vorschläge zu unterbreiten und Kontakte herzustellen für den Kunst- und Wissenschaftsaustausch zwischen Freiburg und Isfahan. Der Dialog ist wichtig, aber er atmet nur durch den Kontakt der Menschen, die dahinter stehen. Es gibt ja immer zwei Ebenen: Kaum waren die offiziellen Gespräche beendet, wurde es interessant. Da haben die Isfahaner erzählt, wie sie unser Stück verstanden haben, was ihre Hoffnungen, Träume und Wünsche sind. Und auch wir haben offen Fragen stellen können.

BZ: Sind Sie wieder eingeladen worden?

Kümmel: Ja, sowohl vom Kulturministerium in Isfahan als auch vom Dramatic Arts Center in Teheran. Dort, so wurde uns bedeutet, besteht Kontakt zu Peymann, zu Roberto Ciulli schon länger und nun zum Theater im Marienbad. Der Kontakt stellt sich nur über Vertrauen her. Über Projekte und Personen.

BZ: Gibt es in Isfahan ein Theater?

Kümmel: Nein. Vor der Revolution schon. Es gibt eine Theaterfakultät an der Uni, ein kleines Studententheater. Ein Traum wäre es, dort ein Theater zu bauen.

BZ: Man könnte ja mit einem Stipendium für einen iranischen Regisseur anfangen.

Kümmel: Wir wollen einen Studenten für eine Hospitanz einladen und suchen eine Produktion, die hier gastieren könnte.

Am 30. November um 11 Uhr berichtet in der Reihe "Gespräche im Marienbad" unter anderem der Autor Tankred Dorst über die Iranreise. 0761/ 31470.

 

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