Die IRAN - Gastspielreise des Theaters im Marienbad

11. – 25 Oktober 2003


   

Parzival in Persien

Bericht von einer Theaterreise: mit Tankred Dorsts "Parzival" nach Isfahan und Teheran

Von Dorothea Marcus

Fast sind deutsche Theaterreisen in den Iran schon zur Gewohnheit geworden. Seit 1999 Roberto Ciulli zum ersten Mal in Teheran spielte und dort ein überwältigendes Echo auslöste, seit mit Khatami im Iran ein vergleichsweise liberaler Präsident an der Macht ist, unterstützen Auswärtiges Amt und Goethe-Institut den Theateraustausch mit dem Iran - weil er in dem Land mit uralter Kulturgeschichte, in dem sich Reformwille und großes Kunstbedürfnis vereinen, auf besonders fruchtbaren Boden zu fallen scheint.

Eigentlich begann die Reise des Freiburger Theater im Marienbad mit ihrer Absage: Zum ersten Mal überhaupt sollte ein westliches Theaterensemble in Isfahan, einer bisher vom Theateraustausch unberührten 2-Millionen-Stadt etwa 500 km südlich von Teheran, spielen. Isfahan gilt zwar als die schönste, aber auch als eine der konservativsten iranischen Städte - besonders, seit vor fünf Monaten die Stadtverwaltung gewechselt hat. Zu verdanken war der Kontakt vor allem der einzig existierenden deutsch-iranischen Partnerschaft zwischen Isfahan und Freiburg. Beinahe führte genau dies aber auch zum Scheitern: Zwei Tage vor Abreise erhielt das Freiburger Theater ein Fax aus Isfahan. Man sei, so hieß es, herzlich eingeladen, sich die Schönheiten der Stadt anzusehen, spielen aber solle man nicht, das Bühnenbild könne zerstört werden - von jenen paramilitärischen Schlägertrupps, die im Iran vermeintlich niemand unter Kontrolle hat, die aber als effizientes Mittel des staatlichen Terrors dienen. Die Stadt Freiburg reagierte hektisch und stornierte sogleich den Flug ihres Kulturamtsleiters. Doch das Theater ließ sich nach ausgiebigen Telefonaten mit dem Dramatic Arts Center, der liberalen Theaterabteilung des iranischen Kulturministeriums, nicht vom Kommen abhalten. Als das Flugzeug landete, war das Bühnenbild bereits aufgebaut. Und zwar weder in den Räumen der Stadt noch in einem Theater, sondern unter freiem Himmel, im Innenhof einer alten Schule - ausgerechnet ein neoklassizistischer Bau aus dem 2. Weltkrieg, einst errichtet aufgrund der privilegierten Beziehungen von Schah Rezâ Pahlavi mit dem Nazi-Regime. Ein Zirkusplatz aus feinstem Ostseesand, umhängt von orientalischen Tüchern, umstellt mit Fackeln - als sei das Bühnenbild eigens für die Wüstenoase Isfahan erfunden worden. Die einstige Kunstmetropole mit reicher Theatervergangenheit verfügt heute noch nicht einmal ein Theaterspielort - nur eine Theaterakademie mit 250 Studenten, deren Absolventen später arbeitslos werden oder nach Teheran gehen.

Das Freiburger Theater im Marienbad, eins der renommiertesten deutschen Kinder- und Jugendtheater mit politischem Anspruch, entstand vor über 25 Jahren aus der 68-er Bewegung. Mit einem großen Tross deutscher Journalisten, Professoren und dem Autorenpaar Dorst/Ehler wollte man auf der vom Goethe-Institut finanzierten Reise mit iranischen Theaterleuten zu neuen Gesprächsdimensionen vorstoßen - durch ein reiches Angebot an Vorträgen, Diskussionen und Symposien. In Teheran sollten Kontakte zum Kinder- und Jugendtheater geknüpft werden - und das zum ersten Mal nicht beim internationalen Fadjir-Theaterfestival, sondern mitten im Jahr.

Natürlich, das ist von Theaterreisen in den Iran mittlerweile bekannt, musste die Inszenierung von Tankred Dorsts "Parzival" verändert werden, um den Gesetzen der islamischen Republik zu entsprechen. Extra aus Teheran reist der Zensurbeamte als "Berater" zum Probendurchlauf, gemeinsam mit der örtlichen Kulturbehörde kontrolliert er, ob die Frauenköpfe verschleiert sind und Männer und Frauen sich nicht berühren. Und so stoppen Parzival (Horst Gessner) und Jeschute (Daniela Mohr) ihre Liebesszene ab, bevor sie von der Schaukel aus ihre Beine um ihn schlingt, streichelten sich Blanchefleur (Kirsten Trustaedt) und Parzival nur in der Luft - auch wenn das die Erotik der Begegnung noch betont. Doch im Iran wird nicht die Imagination bestraft, auch wenn die bekanntlich bodenlos ist, es geht um die reine Form. Auch Jeschutes Ganzkörperkostüm mit zwei riesigen, aufgenähte Stoffbrüsten bleibt unbeanstandet - schließlich ist das keine echte Haut. Als Jeschute und Parzival zum Liebesspiel unter einen riesigen Mantel verschwinden, muss die gestrenge Männerreihe vom "Ministerium für islamische Führung" sogar selber lachen - und erweist sich im Lauf der Woche als eine tolerante Behörde, die durch die formale Kontrolle die Inhalte schützt und sich vor allen anderen für das Theater eingesetzt hat.

Obwohl die Gastspiele weder in der Zeitung angekündigt sind noch ein einziges Plakat in der Stadt hängt, sind die zwei Abende mehr als ausverkauft - mit Studenten, Künstlern, Journalisten und Angestellten der Stadt. So schnell spricht sich das Ereignis in der Stadt herum, das sich nach der zweiten Vorstellungen vor dem Eingang Schlangen von jungen Menschen mit Blumen in der Hand bilden, nach der Vorstellung umlagern junge Iraner die Sänger und Schauspieler - und bestätigen auch in der theaterlosen Stadt, wie groß im Iran die Neugier auf Theater ist. "Wenn wir so ein Theater sehen, erkennen wir unser Unglück in diesem Land", sagt ein Regiestudent, ein Journalist beklagt den kulturellen Stillstand der Stadt - und eine Frau bezieht den "Parzival" gar auf die gesamte Situation im Land, in jener gewundenen Ausdrucksweise, die im Iran typisch ist: "Jeder Zuschauer im Iran ist ein Parzival auf der Suche nach sich selbst. Parzival tut das auf der Bühne nur viel offener - und wird seinen Weg wohl schneller finden als wir."

Die christliche Legende vom Kreuzritter Parzival auf der Suche nach dem Gral und ihre mannigfaltigen Ausdeutungen sind im Iran vollkommen unbekannt. Regisseur und Theaterleiter Dieter Kümmel lässt Dorsts "Parzival" in einer Wüste, besser: in der Einöde zwischen Mutter und Sohn beginnen. Parzival, ein altersloses, sehnsüchtiges Kind, aufgewachsen ohne Moral, verlässt seine Mutter, weil er genau das werden will, was sie ihm immer verboten hat: ein Ritter. Die Engel, die ihn zu seiner Zukunft verführen, sind in der Freiburger Inszenierung ein weiblicher Sopran und ein Tenor - auch wenn es Iranern verboten ist, Frauen singen zu sehen. Der grotesk ausstaffierte Bauernjunge gerät in die Hofgesellschaft, wird von ihr zivilisiert - und bringt mit Messer und Gabel schließlich den unüberwindlichen roten Ritter um. Zum Helden geworden, führt er nun Religionskriege und geht auf Kreuzzüge, auf der Suche nach dem Glück an sich, auf einer Reise vom Mittelalter zur Neuzeit, mitten durch die Ideologien des 20. Jahrhunderts - eine hoch komplizierte Kritik an jede Art von Heilsversprechen. Brisanter Stoff, sollte man meinen, im islamischen Gottesstaat. Doch was sich von den Inhalten wirklich mitteilt, was das bunte, bilderreiche und doch einfache Theater in den Köpfen auslöst, wird nie ganz klar, zumal die Übersetzung des textlastigen Stücks in Isfahan noch nicht funktioniert. Auch die öffentlichen Podiumsdiskussionen verlaufen nicht ohne Schwierigkeiten. Zu langwierig die Übersetzungen, zu unterschiedlich die Bedeutungen der Begriffe. Ein Iraner - er ist Dozent der Theaterakademie und trägt einen Schlips, der hier verboten ist und als Zeichen des Widerstands gilt - leht den vermeintlichen "Nihilismus" im Stück ab - denn Kümmels Parzival-Interpretation endet mit einer Warnung vor dem Weltuntergang. Was vermittelt sich einem Land, in dem Helden vor allem die jugendlichen Märtyrer des Iran-Irak-Kriegs sind, wenn Tankred Dorst von seinem gebrochenen Verhältnis zu Helden spricht? Was kommt an, wenn Dieter Kümmel politisch wird, indem er sich von Bushs "Achse des Bösen" und dem Irakkrieg distanziert? Eine Woche später werden seine Worte zur großen Überschrift in der "Tehran Times", aber dennoch lieben viele junge Iraner die USA - und hassen den Irak und die sie umgebene arabische Welt. Vermutlich werden die so warmherzigen und höflichen Gastgeber immer wieder durch unsere Ahnungslosigkeit brüskiert - doch sie lassen es sich nicht anmerken, die Begeisterung überwiegt bei weitem. "Hätten wir doch die Mittel, so zu inszenieren", sagt ein Regiestudent. "Es grenzt an ein Wunder, dass ihr es trotz des neuen Bürgermeisters geschafft habt, hier zu spielen", sagt der Isfahaner Künstler Akbar Mikhak, "das erste Mal seit langer Zeit hatten junge Menschen hier ein Forum, um sich auszudrücken - das müsste der Anfang von etwas sein." Der Anfang von was nur? Ein Isfahaner Ensemble, das man nach Deutschland einladen könnte, ist nicht auszumachen. Auch erweisen sich die Podiumsgespräche auf der zweiwöchigen Reise zunehmend als ungeeignetes Mittel, in Dialog zu treten - in einem Land, in dem öffentliches Sprechen bestraft werden kann. Langsam nur, nach vielen mühsamen Gesprächsstunden, schälen sich Inhalte heraus: Iraner, so lernen wir, fühlen sich durch Parzival an ihren Volkshelden Rostam aus dem "Buch der Könige" erinnert. Auch Rostam ist ein tragischer Krieger auf Irrwegen - der am Ende unabsichtlich seinen eigenen Sohn tötet. Auch hier gibt eine Gralsvorstellung - die aber, im Gegensatz zu Dorsts Beschreibung weltlicher Glückssuche, ganz und gar religiös gemeint ist. Ohnehin sind Mythen im Iran gerade groß in Mode, doch der Bezug auf sie wird ganz ungebrochen verherrlicht. Wir sehen ein Stück des bekanntesten iranischen Gegenwartsautors Bahram Bezai, ein folkloristischer Durchgang von 1001 Nacht in die Gegenwart. Das Stück ist in Teheran der Renner der Saison, weil Bezai durch seinen Rückbezug auf den vorislamischen Mythos subtil das Regime kritisiert und jeder zwischen den Zeilen liest - für unsere Augen ist es gewöhnungsbedürftig.

Wieviel erfrischender ist dagegen der Bühnenbildworkshop, den der Stockholmer Bühnenbildner des "Parzival", Roland Söderberg, an der Isfahaner Theaterakademie veranstaltet - wahrscheinlich der unmittelbarere Weg, in den direkten Kontakt zu kommen. Fünfzig junge Frauen und Männer erarbeiten in zwei gemischten Gruppen eine Szene, die ihr Leben verändert hat - und statten sie mit einfachsten Mitteln aus. Die erste Gruppe spielt Revolution im Klassenzimmer - ihr Lehrer ist ein Clown, ihre ungestümen Tänze führen die Jugendlichen aus, indem sich Mädchen und Jungen mit Hilfe von Papierrollen anfassen, denn jeder Kontakt ist ihnen untersagt. Umgekehrte Stuhlreihen bilden eine Eisenbahn, die den Aufbruch in die Freiheit signalisiert. Die zweite Gruppe zeigt, wie ein Mädchen sich gegen den Wunsch ihrer Familie für die Theaterakademie entscheidet - eins ihrer weiblichen Geschwister wird von einem Jungen gespielt.

Kurios sind auch die Vorträge zur deutschen Dramatik: wenn Iraner bisher Roberto Ciulli oder bewegliche Kompanien wie das Theater im Marienbad für das deutsche Gegenwartstheater schlechthin hielten, werden sie vom Journalisten Hartmut Krug eines Besseren belehrt. Mit Erstaunen reagieren Iraner auf die Auswüchse des deutschen Stadttheatersystems, auf Regiedekonstruktionen und Textverwüstung, auf den Unglauben, das Wirklichkeit auf dem Theater heute noch darstellbar sei. Doch zumindest die Inbesitznahme alltäglicher Orte für Theater ist auch im Iran nicht ganz unbekannt: Vor dem Teheraner Stadttheater ist eine Installation aufgebaut: gefüllte Flaschen, die man auch für Molotow-Cocktails halten könnte, stehen im Kreis und sind die "Privilegierten" - die anderen sind leere Flaschen und bilden zusammengedrängt die "Ausgestoßenen". Elektrisch-arabische, meditative Töne erklingt dazu - ein eigenartiges Kunsterlebnis, während dahinter Frauen in Tschadors wie in sich gekehrte Türme über die Straßen huschen. Gleichzeitig sitzen junge Frauen mit rutschenden Kopftüchern im Symposium und kritisieren fachmännisch, dass der zweite Teil von "Parzival" vielleicht etwas zu lang sei.

Es ist ein Land der Widersprüche, ein Land, das sich mit rasender Geschwindigkeit ändert - jeder Reiseführer, den wir mithaben, scheint ein weltfremdes Relikt aus vorurteilsbeladenen Zeiten. Doch auch wenn jeder Mitreisende voller guter Absichten steckt - der Dialog auf Augenhöhe ist ein schwieriger Lernprozess. Das Theater im Marienbad ist bereits zum Fajir-Festival eingeladen, will Isfahaner Theaterstudenten zum Hospitieren nach Freiburg einladen - ob das die Isfahaner Stadtverwaltung zulässt, ist ungewiss. Und ob es sich das kleine Theater überhaupt leisten kann? Soeben wurde ihm eine zehnprozentige Kürzung seines Etats verkündet.

 

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