Die IRAN - Gastspielreise des Theaters im Marienbad

11. – 25 Oktober 2003


   

Badische Zeitung vom Montag, 27. Oktober 2003

DURCH DEN IRAN

Im Auge der Macht

Das Freiburger Theater im Marienbad reiste nach Isfahan und Teheran. Unsere Mitarbeiterin Dorothea Marcus begleitete die Gastspielreise und berichtet heute zum letzten Mal für die Badische Zeitung. (Teil 5)

Teheran ist reiner Stress: Zu Fuß kann man sich durch diese Stadt nicht bewegen, nur mit dem Taxi. Unser Terminkalender ist so voll, dass wir alle Museen und Moscheen links liegen lassen müssen. Zum Zeitplan gehört auch der Empfang in der Residenz des deutschen Botschafters, in den privilegierten Hügeln weit über dem Smog. Eine Seite vor uns hat sich im Gästebuch in kindlicher Schrift Joschka Fischer verewigt, der sich hier gestern Nacht auf die Unterzeichnung des Atomwaffenmemorandums vorbereitet hat.

"Jetzt ist der Weg frei für eine richtige Öffnung des Iran", meint seine Exzellenz stolzgeschwellt. Wir beglücken ihn mit deutscher Kammermusik und dürfen die Kopftücher ablegen. Tagsüber wird weiter am Projekt "iranisch-deutsche Podiumsdiskussion" gearbeitet, und das hart: eindeutig eine Form des Gesprächs, das Iraner nicht gewohnt sind. Sie drücken sich umständlich und verkrampft aus, lieben abstrakte Fragen wie: "Was kommt bei Ihnen zuerst, die Geste oder das Wort?", rattern alle möglichen Philosophen und Psychologen herunter - langwierige Sitzungen, bei denen sie aber konzentriert und vollständig ausharren, auch wenn sich die deutschen Theaterleute vor Erschöpfung winden.

Erst im Symposium gibt es den ersten Ansatz eines echten Gesprächs - nach sechs mühsamen Stunden. Im Iran, lernen wir, ist die Rückkehr zu alten Mythen im Moment groß in Mode, indirekt wird so die Islamische Republik kritisiert - doch die Vergangenheit dabei auch rückwärts gewandt verherrlicht.

Alle sind wir uns einig, dass es besser gewesen wäre, Workshops in kleinen Gruppen anzubieten - denn die öffentlich verkrampften Iraner werden lebendig und begeistert, wenn sie nach dem Theater zu uns strömen. Die zwei Vorstellungen von "Parzival" finden nicht im Freien (schade), sondern unter den gestrengen Blicken des religiösen Führers statt. Man könnte sie zehnmal verkaufen - bei weitem nicht alle Interessenten haben Karten bekommen. In der Pause sitzt man hier in der Theaterkantine, in der persische Hotdogs und europäische Bücher verkauft werden. Überhaupt scheint vieles genauso wie bei uns. Die Mädchen tragen eng anliegende Mäntel und Turnschuhe, die Kopftücher liegen gewagt weit hinten. Viele meinen, noch nie so eine wunderbare Inszenierung gesehen zu haben - und sind dabei trotzdem nicht unkritisch, eine junge Studentin findet den zweiten Teil zu lang, womit sie nicht Unrecht hat. Die Zeit rast, wir verteilen regimekritische Bücher, E-Mail-Adressen und Freiburg-Anstecker und müssen uns verabschieden. Viele planen schon ihre Wiederkehr.



 

 

 

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