Die IRAN - Gastspielreise des Theaters im Marienbad11. – 25 Oktober 2003 |
||||||||
«... vielleicht gibt es keine klaren Lösungen.»von Daniela Mohr Ich fühle mich wie Parzival“ – der Satz des iranischen Studenten nach unserer Vorstellung in Isfahan geht mir nicht aus dem Kopf. Dreiviertel der Zuschauer bleiben nach der Vorstellung zum Gespräch mit uns sitzen, und obwohl es langsam unter freiem Himmel sitzend kühl wird und die jeweiligen Übersetzungen natürlich einen Gesprächsfluss erschweren, herrscht gebannte Konzentration. „Unsere persischen Helden haben eine eindeutige Interpretation“, sagt der Student, „aber ich spüre doch, das Leben ist nicht so eindeutig begreifbar. Vielleicht gibt es keine klaren Lösungen.“ Und während der Autor Tankred Dorst und unser Regisseur Dieter Kümmel ihm in fast trauriger Miterkenntnis zunicken, sagt der Student bewegt: „Ich fühle mich wie Parzival …“. Die notwendigen Veränderungen innerhalb der Inszenierung (Kopfbedeckung, lange Ärmel und Hosen unter den Originalkostümen für die Frauen, kein Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht) verändern entgegen der Befürchtung vieler von uns nichts an der jeweiligen Aussage der Szenen. So endet eine körperliche Annäherung eben kurz vor der Berührung. Die Intention bleibt die gleiche, die Fantasie des Zuschauers ergänzt den Rest (schwierig nur für Parzival am Ende seines Weges, dem zur Ruhe kommen „im Schoß der Frau“: In unserer iranischen Aufführung muss er sich neben dem Schoß ohne körperlichen Kontakt zu Blanchefleur, seiner Frau, im Sand zusammenkauern). Manche Figuren im Stück, wie die der Königin, gewinnen beispielsweise durch das „neue“ Kopftuch geradezu an Ausstrahlung, so dass unsere Königin künftig auch in Freiburg mit Kopftuch unter der Krone zu sehen sein wird! Gewappnet mit allerlei Reiseempfehlungen für Frauen im Iran waren wir ausgerüstet: angefangen mit der strengen Kleiderordnung bis hin zu Verhaltensregeln, wie keine Männer ansprechen, Blicke senken oder Sonnenbrille tragen, nicht die Hand zur Begrüßung reichen – Empfehlungen, die uns zunächst befürchten ließ, unter Kopftuch, Mantel und Zurückhaltung als Frau im Iran ganz zu verschwinden. Erlebt habe ich Folgendes: natürlich konnte ich auch als Frau Männer nach dem Weg fragen und hilfsbereit Antwort bekommen; Augenkontakt suchten in erster Linie iranische Frauen mit uns, um für einen Moment lang ein Sich-Anlächeln zu wagen; angesprochen wurden wir fast überall, freundlich, neugierig, von Männern wie von Frauen. Und es waren gerade unsere jeweiligen Alleingänge als Frau durch die Stadt, die uns Begegnungen freundlichster Art erfahren ließen. So wollte ich für die Vorstellung ein spezielles Kopftuch kaufen, wusste aber nicht, wie ich es „richtig“ anziehen sollte. Gestikulierend bat ich die Verkäuferin, die weder deutsch noch englisch sprach, mir, des iranischen Farsi nicht mächtig, zu zeigen, wie es geht. Sie nahm mich deshalb mit in die enge Umkleidekabine, sie zog ihr Kopftuch aus und ich meines. Sie zeigte mir zuerst an sich selbst, wie es geht mit dieser Kopfbedeckung, dann an mir. Wir schauten uns dabei neugierig, freundlich und doch völlig „sprachlos“ an. Da küsste sie mich herzlich links und rechts auf die Backe! Perfekt kopfbedeckt gingen wir wieder in den Laden.
|
|
|||||||
|
|
||||||||
|
|
||||||||