Die IRAN - Gastspielreise des Theaters im Marienbad

11. – 25 Oktober 2003


   

Teheraner Tagebuch

von Christian Wunsch

Sonntag, 19. Oktober

Mit der Eisenbahn zum 8.40 von Visp, einem kleinen, italienisch anmutenden Walliser Städtchen, nach Brig bei herrlichem Wetter entlang der schon von etwas Schnee bedeckten Berge. Aufbruch zur großen Reise nach Teheran über Zürich und Frankfurt. Gestern Abend noch der „Fliegende Holländer“ im Theater von Visp, bald Parzival in der Version Tankred Dorsts in Teheran.
Nach langem Lufthansaflug mit guten Wein, auf die man bei Iran Air verzichten muss, morgens um 1 Uhr am Flughafen in Teheran angekommen. Schon der Anflug auf die riesige beleuchtete, glitzernde Stadt war beeindruckend.
Noch im Flugzeug hielt mich eine junge Iranerin , heute in Kalifornien lebend, zunächst für einen Landsmann, plauderte dann ganz offen auf Englisch und hieß mich im Iran willkommen.
Sie musste weiter zur Heirat der Schwester – irgendwo in diesem riesigen Land.
Nächtliche Taxifahrt durch das immer noch ungemein lebendige, nicht zur Ruhe kommende Teheran.
Netter Empfang im Grand Hotel Ferdosi, das seinen Namen dem großen persischen Dichter (um 1000 n. Chr.) verdankt durch die „Marienbädler, die noch Dieter Kümmels Geburtstag feierten.

Montag, 20. Oktober

Mit Stephanie, meiner Gesangskollegin, ins Getümmel der Metropole gestürzt, die mehr ist: ein ausgeuferter Moloch mit 4 Mio. Autor und 10 – 12 Mio. Menschen, staubig, lärmig, abbruchreif, marode, und dennoch faszinierend, sprühend vor Leben.
Doch dann wie eine Oase in der Wüste der Golestan (=Rosengarten)-Palast mit seinem herrlichen gepflegten Garten. Rosen, Rasen, zwei Schwäne, eine Insel der Stille und guten Luft in dieser mit wenig zu vergleichenden Riesenstadt.
Herrliche Ornamente zieren die Außenmauern des Palastes, der innen eine Art Spiegelkabinett mit Marmorthron enthält sowie ein holzgetäfeltes Bilderkabinett mit Herrschergestalten.
Schöne Gemälde, mit kleinen Blumen-, Vogel- und anderen Miniaturen verziert.
Gespräch mit einem erstaunlich gut deutsch sprechenden iranischen Schumacher im Park, dem ich ein deutsches Buch schicken soll. Er liest gerade Saint-Exuperys „Der kleine Prinz“ – auf Deutsch! Ein erster Abstecher in den großen Basar verlief eher ernüchternd, nichts von dem, was man sich als Deutscher und Romantiker so vorstellt. Aber es soll bessere, schönere Stellen geben.
Abends eingeladen bei Frau Krämer-Hus-Hus, der Vertreterin des Goethe-Instituts in Teheran.
Im abendlichen Chaos-Verkehr geht es gen Norden, in die besseren Viertel, Afrika heißt, so glaube ich – dieser Stadtteil.
Den Abend unter angeregten Gesprächen und persischem Essen angenehm verbracht.
Das Haus unvermutet prächtig, großzügig mit schönem Swimming-Pool, an dem wir unter bestirntem Himmel unser Essen einnahmen.

Dienstag, 21. Oktober

Kindertheater in Teheran – im Lahle-Park. Die „Geschichte vom Onkelchen“ wurde von den vielen in Schuluniform gekommenen Kindern aus offensichtlich besseren Kreisen mit Freude, manchmal vielleicht auch Verwunderung aufgenommen. Stiller als deutsche Kinder sind sie auch nicht.
nachmittags dann mit Hartmut Krug und Stephanie ins Nationalmuseum, wo kostbare Exponate der großen alten persischen Vergangenheit sowie herrliche Ausstellungsstücke aus islamischer Zeit zu sehen sind. Nur wenige Menschen, kaum Touristen, besuchen das im Regierungsviertel gelegene Museum, wo ich auch zu guter Letzt noch eine Prachtausgabe von Ferdosi mit herrlichen Miniaturen erstand.
Anschließend die erste Parzival-Probe, etwas unter dem Zeitdruck des anstehenden Empfangs in der deutschen Botschaft stehend.
Durchs abendliche Teheran dann an hunderten von Geschäften vorbei, im Lärm der überfüllten Straßen zum Hotel gelaufen mit Dietmar und Horst. Dort ein gutes Abendessen.

Mittwoch, 22. Oktober

Schon früh am Morgen auf.
Durch Ingmar, unseren Gitarristen, lerne ich zwei junge Iranerinnen kennen, so etwa um die 20, Juristin die eine, Designerin die andere. Sehr sympathisch, aufgeschlossen, auch an unserer „Theatralischen Sendung“ interessiert, nehmen sie uns zum Einkaufen mit noch vor der großen Parzival-Probe.
Noch haben alle Bekleidungsgeschäfte geschlossen und wir irren ein wenig ziellos durch die Straßen. Fast zufällig kommen wir in ein kleines Museum mit persischer Malerei und Skulpturenkunst, insgesamt eher modern, aber doch den alten Mythen verhaftet, vielleicht ein wenig kitschig.
Wie wir ja auch dem Mythos „Parzival“ verhaftet sind.
wir sind in der Nähe des Theatre e Schah, wo die Probe stattfinden wird; von einem großen Plakat prangt Parzival, der gescheiterte Held, der die Iraner zum Theaterbesuch anregen soll.
Die beiden jungen Studentinnen gehen mit zur Probe, die angehende Juristin will einen Artikel für die Uni-Zeitung schreiben.
Ach ja, einen Anzug habe ich auch noch gekauft für 80.000 Tuman.
Die Aufführung abends dann sehr bewegend, alles war sehr intensiv. Wie würden die zahlreichen Besucher reagieren?
Schließlich große Begeisterung seitens der Teheraner, die gut vorbereitet und konzentriert den Abend verfolgten.
Pünktlich zur Premiere lag auch die Übersetzung des Dorstschen Parzival auf persisch vor, angefertigt von einem sympathischen jüngeren Mann namens Ali Abdollahi, der auch schon Günter Grass und andere deutsche Dichter übersetzt hat und selbst Gedichte verfasst.
Ein Abendessen im Hotel beschloss den durchaus ungewöhnlichen Abend mit Parzival in Teheran.

Donnerstag, 23. Oktober

Die Besucher der Parzival-Vorstellung von gestern Abend liebten das Stück, das sie sicher nicht immer verstanden haben, aber auch Gesang und Musik fanden großen Anklang.
Morgens beim Symposium über „Mythos“ im Künstlerhaus, einer sehr schön gelegenen und eingerichteten Begegnungsstätte für Künstler, Journalisten und Wissenschaftler.
Auf einem großen Bildschirm in der Eingangshalle waren die „Berliner“ mit Beethovens Tripelkonzert unter Daniel Barenboim zu hören. Festliche Musik an schönem Ort.
Das Gespräch zum Thema Mythos verlief nicht immer sehr befriedigend. Zur sehr bestimmen die Übersetzungsprobleme den Gang der Dinge. Man sollte das Ganze auf Englisch abhalten , dann käme man eher zusammen.
Im schönen Gartenrestaurant aß ich dann ganz persisch und vegetarisch zu Mittag.
Seltsames Gespräch mit einem Teheraner Ingenieur, der „off-shore“-Anlagen für den persischen Golf entwickelt und seine Begeisterung für Hitler und das arische Deutschland nicht verhehlte.
Nicht die Amerikaner, die trickreichen Engländer seinen die Oberschurken dieser Welt.
Auch das gehört zum Iran: Beifall für Deutschland von der falschen Seite.
Abends dann die zweite sehr schöne Vorstellung.

Freitag, 24. Oktober

Der letzte Tag in Teheran nach vielen wunschschönen Begegnungen vor allem mit Menschen, die hier leben.
Noch am Morgen mit einem jener berühmten Teheraner Taxis zum Schah-Palast im Norden am Fuße des Gebirges.
Nicht so protzig wie erwartet, eher an die Bauhaus-Bewegung gemahnende Architektur. Im Inneren herrliche Teppiche ungeahnten Ausmaßes, eigens für die Säle dieses Residenz angefertigt, Kandelaber, die noch gedeckte Tafel für das Treffen mit Jimmy Carter.
Außen blättert ein wenig der Putz.
Nachmittags dann mit Dietmar und Fausta zunähst nach Rey in das große islamische Heiligtum, eine der Stätten des Islam – südlich von Teheran gelegen.
Der Platz vor der Moschee – voll Menschen – lag im gleißenden Sonnenlicht, so dass sich die goldenen Kuppeln und Minarette wunderbar gegen den tiefblauen Himmel abhoben.
Kleiner Basar, fast gemütlich, wo wir einige Kleinigkeiten erwerben. Weiter zu einem Feuertempel der Sasaniden. Im Licht der untergehenden Sonne bestiegen wir den Palasthügel, wo die Ausgrabungen eigentlich noch fortgesetzt werden sollten.
Herrlicher Blick ins weite Land, schon von Dunst überzogen. Abends großes Verabschiedungsessen im Hotel als würdiger Abschluss einer faszinierenden Reise.

 

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