«Unmöglich, einen Text zu schreiben...»
von Christine Post
Es müssten viele sein. Anekdoten,
Geschichten, Beschreibungen, politische Einschätzungen. All das hat
mein Bild von unserer Iran-Reise geprägt. Sogar eine Geschichte über
meinen Stolz nach dem gelungenen Überqueren einer Straße in
Teheran hätte hier ihren Platz. Vielleicht ist sie sogar beispielhaft:
Die Geschichte von der Unsicherheit, die ich mir nicht anmerken lassen
darf. Von dem Vertrauen in ein System, das ich noch nicht verstehe. Von
dem Einlassen auf etwas Neues, wenn ich von der Stelle kommen will. Ich
erinnere mich gut an den Moment, als aus Unsicherheit Abenteuerlust wurde.
Als ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, mich geschmeidig, unauffällig,
"persisch" zu bewegen. Natürlich habe ich mich nie unauffällig
bewegt. Ich bin lediglich nach einer Weile transparenter, durchlässiger
für das Andere, das Unbekannte geworden.
Auch für das Kopftuch. Natürlich gibt
es die Geschichte vom Kopftuch zu schreiben, die wir Frauen alle so oder
anders erzählen können. Wie haben wir uns vor der Reise aufgeregt,
gegenseitig befragt und verunsichert. Gut erinnere ich mich an den kurzen
Moment der Unbehaglichkeit, als ich mir für das Passfoto zum ersten
Mal ein Kopftuch aufsetzen musste. Wie sollte das erst im Iran werden?
Nicht das Kopftuch war das Problem, sondern der Zwang, den wir so nicht
kennen. Den wir ablehnen müssen. Den Zwang lehne ich auch heute noch
ab. Doch die Erfahrungen mit dem Kopftuch im Iran hatten wenig mit Zwang
zu tun. Ich habe gesehen, wie kreativ viele Frauen mit den Regeln für
die Kopfbedeckung umgehen. Ich habe sehr viel mehr Haar gesehen, als ich
erwartet hatte. Farben und Muster machen das Straßenbild beinahe
ebenso aus wie die schwarzen Tschadors.
Etwas ratlos schaue ich daher in meinen
Reiseführer. Ich lese vom Iran als ein ziemlich hermetisches, streng
reglementiertes, eher freudlos wirkendes Land. Ich sehe etwas ganz anderes.
Neben den Tschador tragenden Frauen, deren Blick stets irgendwo auf halbem
Weg zu mir versiegt, sehe ich junge Frauen, die mir mit offenen, neugierigen
Augen begegnen. Die fragen, woher man komme, warum man hier sei und, vor
allem, ob mir der Iran gefalle. All das mit einer Freundlichkeit und einem
Lächeln im Gesicht, dass die Antwort nicht schwer fällt.
Berührungen zwischen Männern und Frauen sind im Iran verboten.
Und doch sehe ich - sogar in der konservativen Stadt Isfahan – Paare
Händchen haltend die Straße entlang gehen. "Man darf nicht,
aber man kann", erzählt mir eine junge Frau. Ziviler Ungehorsam
im Kleinen dehnt die Grenzen des Möglichen, vor allem bei der jungen
Generation.
Der Reiseführer liest sich bald
wie ein Roman, der eine alte, längst vergangene Zeit beschreibt.
Dabei ist er erst 2001 erschienen. Das denke ich, bis mir ein Iraner erzählt,
dass die Regeln jederzeit wieder verschärft werden können. Dass
es in einigen konservativen Regionen bereits geschehe. Ich denke an das,
was ich gelesen habe, an Auspeitschungen, an Steinigungen und verliere
für einen Moment meine neu erworbene Gelassenheit. Doch nur für
eine kurze Zeit.
Oftmals bewegen mich ohnehin andere Fragen, andere Probleme. Auch sie
gehören untrennbar zu meinen Reiseerfahrungen. Ich denke an Platzreservierungen,
die es plötzlich nicht mehr gab. An Zimmerreservierungen, die ebenfalls
verschwunden waren. Ich denke an die Mitreisenden, die mich für einen
unerschöpflichen Brunnen der Informationen hielten. Aber dieser Brunnen
war meist leer. Tauchten Probleme auf, gab es kein bekanntes Instrumentarium,
keine Erfahrung, wie hier mit Problemen umgegangen wird. Auf der einen
Seite steht die Reisegruppe, die detaillierte Planung gewohnt ist, auf
der anderen Seite höre ich die beschwichtigende Formel unserer Gastgeber:
"No problem." Das ist hart. Doch eines Tages platzt der Knoten,
als ein Iraner mir sagt: "Kein Problem, es wird etwas geschehen."
Das ist interessant. Würden wir doch sagen: "Achtung! Problem!
Wir müssen etwas tun!" Diese vielen Ausrufezeichen, den Aktionismus
muss ich ablegen. Ich lerne Gelassenheit. Ich lerne: Auch wenn etwas nicht
gleich klappt, geht die Welt nicht unter.
Noch mehr Geschichten könnte ich schreiben.
Die vom Verkehr ist endlos, wie der Verkehr selbst. Die vom Himmel über
Isfahan ist wolkenlos. Die vom Regen in der Wüste einmalig. Ebenso
wie die vom Gestank der Abgase in Teheran. Die Geschichte von den Begegnungen
mit all den Menschen, die uns geholfen haben, uns zurecht zu finden und
willkommen zu fühlen, wird hoffentlich an anderer Stelle weiter geschrieben
werden. Und hoffentlich bald.
Die Reise in den Iran war schön. Und
sie war voller Gegensätze, wie auch das Land selbst sich zeigte:
Der Staat und die Bevölkerung, die Öffentlichkeit und die Privatsphäre,
Männer und Frauen, Teheran und der Rest des Landes, Vergangenheit
und Gegenwart, Erlebtes und Gehörtes, das Dürfen und Können.
Für eine kurze Zeit ein Teil davon zu sein, ist unvergesslich.
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