Die IRAN - Gastspielreise des Theaters im Marienbad

11. – 25 Oktober 2003


   

«Unmöglich, einen Text zu schreiben...»

von Christine Post

Es müssten viele sein. Anekdoten, Geschichten, Beschreibungen, politische Einschätzungen. All das hat mein Bild von unserer Iran-Reise geprägt. Sogar eine Geschichte über meinen Stolz nach dem gelungenen Überqueren einer Straße in Teheran hätte hier ihren Platz. Vielleicht ist sie sogar beispielhaft: Die Geschichte von der Unsicherheit, die ich mir nicht anmerken lassen darf. Von dem Vertrauen in ein System, das ich noch nicht verstehe. Von dem Einlassen auf etwas Neues, wenn ich von der Stelle kommen will. Ich erinnere mich gut an den Moment, als aus Unsicherheit Abenteuerlust wurde. Als ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, mich geschmeidig, unauffällig, "persisch" zu bewegen. Natürlich habe ich mich nie unauffällig bewegt. Ich bin lediglich nach einer Weile transparenter, durchlässiger für das Andere, das Unbekannte geworden.
    Auch für das Kopftuch. Natürlich gibt es die Geschichte vom Kopftuch zu schreiben, die wir Frauen alle so oder anders erzählen können. Wie haben wir uns vor der Reise aufgeregt, gegenseitig befragt und verunsichert. Gut erinnere ich mich an den kurzen Moment der Unbehaglichkeit, als ich mir für das Passfoto zum ersten Mal ein Kopftuch aufsetzen musste. Wie sollte das erst im Iran werden? Nicht das Kopftuch war das Problem, sondern der Zwang, den wir so nicht kennen. Den wir ablehnen müssen. Den Zwang lehne ich auch heute noch ab. Doch die Erfahrungen mit dem Kopftuch im Iran hatten wenig mit Zwang zu tun. Ich habe gesehen, wie kreativ viele Frauen mit den Regeln für die Kopfbedeckung umgehen. Ich habe sehr viel mehr Haar gesehen, als ich erwartet hatte. Farben und Muster machen das Straßenbild beinahe ebenso aus wie die schwarzen Tschadors.
     Etwas ratlos schaue ich daher in meinen Reiseführer. Ich lese vom Iran als ein ziemlich hermetisches, streng reglementiertes, eher freudlos wirkendes Land. Ich sehe etwas ganz anderes. Neben den Tschador tragenden Frauen, deren Blick stets irgendwo auf halbem Weg zu mir versiegt, sehe ich junge Frauen, die mir mit offenen, neugierigen Augen begegnen. Die fragen, woher man komme, warum man hier sei und, vor allem, ob mir der Iran gefalle. All das mit einer Freundlichkeit und einem Lächeln im Gesicht, dass die Antwort nicht schwer fällt.
Berührungen zwischen Männern und Frauen sind im Iran verboten. Und doch sehe ich - sogar in der konservativen Stadt Isfahan – Paare Händchen haltend die Straße entlang gehen. "Man darf nicht, aber man kann", erzählt mir eine junge Frau. Ziviler Ungehorsam im Kleinen dehnt die Grenzen des Möglichen, vor allem bei der jungen Generation.
      Der Reiseführer liest sich bald wie ein Roman, der eine alte, längst vergangene Zeit beschreibt. Dabei ist er erst 2001 erschienen. Das denke ich, bis mir ein Iraner erzählt, dass die Regeln jederzeit wieder verschärft werden können. Dass es in einigen konservativen Regionen bereits geschehe. Ich denke an das, was ich gelesen habe, an Auspeitschungen, an Steinigungen und verliere für einen Moment meine neu erworbene Gelassenheit. Doch nur für eine kurze Zeit.
Oftmals bewegen mich ohnehin andere Fragen, andere Probleme. Auch sie gehören untrennbar zu meinen Reiseerfahrungen. Ich denke an Platzreservierungen, die es plötzlich nicht mehr gab. An Zimmerreservierungen, die ebenfalls verschwunden waren. Ich denke an die Mitreisenden, die mich für einen unerschöpflichen Brunnen der Informationen hielten. Aber dieser Brunnen war meist leer. Tauchten Probleme auf, gab es kein bekanntes Instrumentarium, keine Erfahrung, wie hier mit Problemen umgegangen wird. Auf der einen Seite steht die Reisegruppe, die detaillierte Planung gewohnt ist, auf der anderen Seite höre ich die beschwichtigende Formel unserer Gastgeber: "No problem." Das ist hart. Doch eines Tages platzt der Knoten, als ein Iraner mir sagt: "Kein Problem, es wird etwas geschehen." Das ist interessant. Würden wir doch sagen: "Achtung! Problem! Wir müssen etwas tun!" Diese vielen Ausrufezeichen, den Aktionismus muss ich ablegen. Ich lerne Gelassenheit. Ich lerne: Auch wenn etwas nicht gleich klappt, geht die Welt nicht unter.
     Noch mehr Geschichten könnte ich schreiben. Die vom Verkehr ist endlos, wie der Verkehr selbst. Die vom Himmel über Isfahan ist wolkenlos. Die vom Regen in der Wüste einmalig. Ebenso wie die vom Gestank der Abgase in Teheran. Die Geschichte von den Begegnungen mit all den Menschen, die uns geholfen haben, uns zurecht zu finden und willkommen zu fühlen, wird hoffentlich an anderer Stelle weiter geschrieben werden. Und hoffentlich bald.
     Die Reise in den Iran war schön. Und sie war voller Gegensätze, wie auch das Land selbst sich zeigte: Der Staat und die Bevölkerung, die Öffentlichkeit und die Privatsphäre, Männer und Frauen, Teheran und der Rest des Landes, Vergangenheit und Gegenwart, Erlebtes und Gehörtes, das Dürfen und Können. Für eine kurze Zeit ein Teil davon zu sein, ist unvergesslich.

 

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