Dossier: Iran

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Teheran: diese Stadt schüchtert ein, sie lädt nicht ein. Unwirtlich sind die Straßen, die Häuser: eins hässlicher als das andere, und dann plötzlich ein blattförmig ziseliertes Metallgitter und darüber eine breite Schrift auf schmutzig weißer Plastikfolie.
Ein Stadtzentrum gibt´s nicht, weil es keine unbefahrenen Plätze gibt.
Die Priorität des Verkehrs  verhindert jedes Schlendern, jeden Müßiggang. Auch die Menschen  wirken gehetzt, wenige neugierige Blickkontakte auf den Straßen - anders als beim ersten Iranaufenthalt in Isfahan. Trotzdem ist ein Teil meiner Seele hier verblüffend heimisch, ich weiß auch nicht, warum;  vielleicht weil ich den Eindruck habe, dass diese Stadt eine viel wirklichere Wirklichkeit ist als unser kleines Schwarzwälder Eiland.

Keine Kneipen, kaum Teehäuser gibt`s. Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte. Ledergeschäfte, eins neben dem andern, Kloschüsselgeschäfte, Türklinkengeschäfte, Geschäfte mit Jäger- und Anglerutensilien – und: auf den Straßen werden Imitate von Kaminhölzern  (aus Ton oder Plastik?) feilgeboten, die Sehnsucht nach häuslicher Geborgenheit teilt sich hier mit.
Die einzige Privatwohnung, die wir besuchten, war bullig  warm, überladen mit Zierrat., und an den Wänden prangte feiner Stuck. Danach mit dem Taxi zum Hotel zurückgefahren, auf breiten Schnellstraßen, durch eine unbehauste Stadt, ab und an eine Lichterkette in nächtlicher Ödnis, und der Tachometer zeigte streckenweise 160 Sachen.
- Im Haus der Kunst, wo Margret Bäurle ihren Vortrag  über schreibende Frauen hielt, atmete ich auf. Pastellfarbene Wände, Steinfußböden mit eingelegten Mustern, Marmorgeländer,  Fensterläden, durch die sich die Sonne brach, zwitscherte nicht auch ein Vogel?  Und mir war klar: die Architektur einer Stadt ist keine primär ästhetische Frage, sondern eine physische Notwendigkeit, der menschliche Körper braucht schöne Räume, in denen er atmen kann…
- Diesmal regte sich, ich glaube bei uns allen,  ein heftigerer Widerstand gegen das Kopftuchtragen. Es wurde nicht mehr, wie beim ersten Mal, das überraschend Angenehme dieser Zwangsverhüllung wahrgenommen, sondern das Kopftuch war oft nur eine rutschende  Last (Kirsten trug einen Hut, und das war gut.) Manchmal fragten wir uns, welche Drohung von Gewalt allgegenwärtig sein muss, damit es gelingen kann, dass in einer 14-Millionenstadt alle Frauen in der Öffentlichkeit irgendwie ihr Haar bedeckt halten…
- Dann der Schock zu hören, viele von der iranischen Opposition würden auf Bush hoffen, denn von innen seien keine ändernden Initiativen zu erwarten! Die Angst sei zu groß und die führenden Köpfe seien entweder im Ausland oder im Gefängnis.  Auch das Beispiel des Iraks schreckt diese Hoffnung auf Bush nicht ab: denn „die Iraner sind ganz anders“.
Dann sitz´ ich in einer kleinen Moschee, Spiegelglaswände, alles ist milchig dicht von einem matten Glitzern,  Frauen kauern, in  bunte Tschadors gehüllt, über riesigen Koranbüchern, der Rücken einer Frau bewegt sich im Rhythmus des Muezzin, eine andere fängt zu greinen an, als die Stimme des Muezzin in eine ekstatische Klage verfällt, stundenlang möcht´ich da sitzen, in einen meditativen Tran fallen, eine Frau mit schwarzem Kopftuch, Brille, ein wenig ausgezehrt ist sie, spricht mich in akzentfreiem Englisch an, sie lädt uns zum Tee ein, gern wären wir mitgekommen…
- Abends sitzt man dann wieder abgeschottet im wuchtigen braunen Ledersessel des Hotelfoyers und bestellt dort seinen Tee. (Teheran= Tee heran!)
- Dann die Pero-Aufführungen: eigentlich ist der Raum zu groß, wie eine Puppenstube wirkt das Bühnenbild zunächst, doch das Teheraner Publikum saugt die Bilder auf, Danielas Stimme füllt den Raum, und das Publikum lässt sich erfüllen von der Hoffnung, dass wenigstens im Privaten so etwas wie Glück gelingen kann.
Wir, die wir nicht mitspielen, sehen das Stück neu, so, als wäre es für dieses Land inszeniert worden. – Ist unsere Spielweise für das dortige Publikum vielleicht eine Brücke zwischen dem alten bunten Helden- und Epentheater  und dem extistentialistischen
minimalistischen leisen iranischen Avantgarde-Theater?
- Bei der Ergriffenheit des iranischen Publikums durch unsre Stücke stellt sich mir hinterrücks auch eine andre Frage: Frischen wir, die wir die Theatermüdigkeit von zu Hause allzu gut kennen, durch die Begeisterung des iranischen Publikums  unseren Glauben an den Sinn unseres Berufs neu auf? Kulturaustausch auch als Frischzellenkur für kulturübersättigte Westmenschen?  Mag da was dran sein?
- Aber diese Frage erübrigt sich, wird gleichgültig, wenn ich während der Bronteaufführung erlebe, wie befreiend  Kirstens Solo als wild singende musizierende tanzende Emily auf das junge Publikum wirkt (im Iran dürfen Frauen öffentlich nicht alleine singen): zunächst ein verschämtes leises Kichern, dann schwillt´s an zu einem frohen, fast ausgelassenen  Lachen, Kirstens Emily wird getragen von einer Woge befreiter Zustimmung. Und allein für diese Erfahrung hat sich der weite Weg gelohnt- und will man wieder hin.