Wo leben wir seit ein paar Jahren eigentlich? Auf einem Pulverfass? Selbst die liberalsten und tolerantesten unserer europäischen Nachbarn sind mit ihrer Geduld am Ende. Doch Mord und Totschlag herrschen nicht nur bei den Holländern. Ist unsere Geduld miteinander wirklich schon am Ende, die eingeübte Toleranz aufbraucht? Hat gar das Postulat der Aufklärung versagt? Westliches, vermeintlich rational orientiertes Denken steht seit einiger Zeit offensichtlich wieder in einem krassen Gegensatz zu jenem angeblich irrationalen Denken und Glauben innerhalb der islamischen Welt. Gleichzeitig wird in der westlichen Welt der Ruf laut nach Rückeroberung von verloren geglaubter Spiritualität und einer neuen Form der Transzendenz und Rückbesinnung auf neue wie alte Religionen, wie wir es etwa an dem neuesten Roman von Sandra Hoffmann sehen können. Das durch die Aufklärung verloren geglaubte magische Denken erfährt eine neue Hochkonjunktur. Bleibt da vom Dialog der Kulturen tatsächlich nicht mehr als ein „Kampf der Kulturen“ übrig? Oder erleben wir zunehmend einen Rückfall in mittelalterliches Denken in Form von glaubensgestützten Oppositionen von Ost und West, von muslimischer und christlicher Weltsicht? Wo sind die Grenzlinien zu ziehen? Wie sieht die Wirklichkeit hinter den Kulissen aus?
Die Gäste, allesamt Kenner der islamischen wie der westlichen Welt, möchten ein Gespräch jenseits der Schlagwörter und Denkbarrieren führen. Im Zentrum soll die kritische Betrachtung der eigenen, westlichen Kultur stehen, die auch heute noch stark vom Denken der Aufklärung geprägt ist.
Denn das Denken prägt den Blick: Schon die Betrachtung des Sternenhimmels in Stefan Weidners essayistischem Erzählband „Mohammedanische Versuchungen“ zeigt, wie unterschiedlich man die Welt sehen kann, obwohl die Augen auf denselben Himmel gerichtet sind. Nach der Auffassung zweier korangläubiger Grundschullehrer handele es sich bei den Sternen um „am Himmel aufgehängte Lampen“, leuchtende Fixpunkte Allahs zur Orientierung in der Welt; während für den Protagonisten die rationale Wissenschaft, die Astrophysik, als Grundlage seiner Betrachtung dient. Diese aber hat in den Leuchtpunkten am Himmel längst noch existierende oder schon verloschene Gasansammlungen unterschiedlichster Zusammensetzung erkannt, die mit Lichtgeschwindigkeit durchs All sausen wie wir selbst. Mit dem bloßen Auge jedoch sieht der nächtliche Himmel für beide Welten gleich aus. Das Denken, die Folie dahinter lenkt den Blick und bestimmt die Weltsicht der Dinge.
„Tödliche oder dringend erforderliche Toleranz?“, fragt sich Günther Lachmann zu Recht in seinem Buch zum Thema. Navid Kermani, wohl derzeit einer der schärfsten Beobachter des Verhältnisses zwischen Orient und Okzident, hat es schon frühzeitig so auf den Punkt gebracht: „Wenn etwas den Feind gefährlich macht, ist es der Um¬stand, dass es ihn so nicht gibt. Damit ist nämlich zugleich gesagt, dass es ihn überall geben kann.“ Die Angreifer seien keine Staaten mehr mit Armeen und Raketen, nicht einmal klar umrissene Organisationen. Unser Sicherheitsdenken, das sich bisher in einem klar definierten Bild von Innen und Außen, von Freund und Feind ausgedrückt hat, ist damit hinfällig. Weltweite Angst und Irritation sind die Folge. Doch die Politik eines Riesenstaates wie den USA verfolge weiterhin längst überholte, innerstaatliche Ziele, anstatt global verantwortlich zu agieren. Kermani nennt das eine „Politik eines ungehemmten Eigennutzes“, die nun an seine Grenzen stößt - an die Grenzen der Aussenwelt und das nicht nur im Orient. Die Zeiten haben sich mit dem 11. September radikal geändert. Soll unser Miteinander wieder funktionieren, erfordert es ein Umdenken aller im Sinne und zum Besten aller – die Linie verläuft nicht mehr zwischen Orient und Okzident (Hilal Sezgin), sondern zwischen jenen, die den Dialog suchen und führen wollen und jenen, die ihn mit allen Mitteln unterbinden möchten. Der Dialog der Kulturen ist mehr denn je wieder eine persönliche Einstellungsfrage geworden. Genügend kritische Denkanstösse werden die Diskussionsteilnehmer am Montag, 14. Februar, 20:00 Uhr, Theater im Marienbad ihren Zuhörern mit Sicherheit mit auf den Weg geben.
Zu den einzelnen Diskussionsteilnehmern:
Martin Lüdke: 1943 in Apolda (Thür.) geboren; nach dem Studium der Philosophie, Germanistik, Soziologie und Politik von 1976 bis 1978 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr (SOWI) in München, bis 1984 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der J.W. Goethe-Universität Frank¬urt am Main; verschiedene Gastprofessuren in den USA; 1985 bis 1990 Redakteur des Hessischen Rundfunks (Fernsehen-Kultur), seit 1990 Literaturredakteur des Südwestfunks, seit 1996 in Mainz u.a. verantwortlich für die Reihe „Literatur im Foyer“; ständiger Mitarbeiter der FR und der ZEIT, gelegentlich SPIEGEL und FOCUS; bis 1998 Mitherausgeber des Rowohlt Literaturmagazins.
Hilal Sezgin: geb. 1970 in Frankfurt, Schriftstellerin und Redakteurin, deutsche und türkische Staatsangehörigkeit. Studium der Philosophie, Soziologie und Germanistik, Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Romanerstling: „Der Tod des Maßschneiders“. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 1999. 365 S. 14,80 EUR.
Sandra Hoffmann: geb. 1967 in Laupheim, lebt in Tübingen. Zunächst Ausbildung als Jugend- und Heimerzieherin; Studium der Literaturwissenschaft, Mediävistik und Italianistik in Tübingen. Arbeit am Lehrstuhl für Komparatistik sowie für die Tübin¬er Poetikdozentur. Seit Herbst 2002 freie Autorin. Neuestes Buch: „Den Himmel zu Füssen“. Roman. C.H. Beck, München 2004. 158 S. 14.90 EUR.
Günther Lachmann: geb. 1961 in Papenburg, war vier Jahre lang politischer Redak¬teur der BILD-Zeitung, ab 2001 stellvertretender Leiter der Parlamentsredaktion WELT AM SONNTAG. Spezialgebiete: Islamismus; Muslime in Deutschland. Neuerscheinung: „Tödliche Toleranz. Die Muslime und unsere offene Gesellschaft“. Piper Verlag, München 2004. 304 Seiten. 14 EUR.
Stefan Weidner: geb. 1967, studierte Islamwissenschaften,
Germanistik und Philosophie in Göttingen, Damaskus, Berkeley und Bonn;
arbeitet als Autor, Übersetzer und Literaturkritiker in Köln,
seit 2001 Chefredakteur der am Goethe-Institut für den Dialog mit der
islamischen Welt herausgegebene Zeitschrift “Fikrun wa Fann / Art
& Thought“; zahlreiche Übersetzungen aus dem Arabischen,
darunter Adonis und Mahmud Darwisch. Neuerscheinung: „Mohammedanische
Versuchungen. Ein erzählter Essay“. Amman Verlag, Zürich
2004. 237 Seiten. 18,90 EUR.
