
„Im Land der Dichter und der Rosen und der Nachtigallen / zu leben ist, das ist ein Geschenk, und dies erst recht / Wenn deine Existenz nach langen Jahren / Endlich anerkannt wird (…)“:
Diese Zeilen schrieb niemand anders als die im persischen Sprachraum bereits seit vielen Jahren bekannte und berühmte iranische Dichterin Forugh Farrochsad, die 1935 in die gehobene Teheraner Mittelschicht hinein geboren wurde und 1967 in der iranischen Hauptstadt bei einem Autounfall ums Leben kam. Ein kurzes Leben und doch, wie so oft, ein Geniestreich an poetischer Diktion. Gleich einer iranischen Else Lasker-Schüler protestierte sie auf ihre ganz eigene Weise gegen jedwede religiöse wie patriarchale Beschränkung, gegen gesellschaftliche Verbote und gegen die tradierte Unterdrückung der Frau. Ihr Werk wurde offiziell verboten und ist es auch im heutigen Iran noch: Wie es bei dem russischen Dichter Ossip Mandelstam der Fall war, wurde es von den Menschen im Iran mündlich oder schriftlich unter der Hand weitergegeben und auswendig gelernt. Die Lyrik von Forugh Farrochsad kann man fraglos zum engsten Kreis der bedeutendsten Dichterinnen der Welt zählen. Ihre Poesie besticht durch ihre von persischer Mystik wie von persischer Moderne durchdrungene Bildsprache. Das sind wahrhaft keine persischen Miniaturen, das sind poetische Bilder im ganz großen Stil. Sie sollte auch die erste Frau im persischen Sprachraum werden, die mit ihrem Werk den unumkehrbaren Weg hin zur Moderne beschritt: „Ich will das Maß der Zeilen lassen / Ich will das Silbenzählen lassen / Und aus den starren und begrenzten Formen / Suche ich Zuflucht in den offenen Weiten des Gefühls“. Pure Lebens(sehn)sucht und künstlerische Neugier, den Weg bis ins Letzte auszukosten, standen bei ihr im Vordergrund, in ihrem Schreiben wie im Leben. Unter dem gleichnamigen Titelgedicht bekannte sie: „Ein jedes Teilchen meines irdnen Lebens / wird von der Glut der Poesie verbrannt // Vom Durst nach Dir getrieben, trinke ich / Dein heißes Blut (…) Und so viel Wonne sauge ich aus dir / Daß ich den Zorn der Götter fürchten muß“.
Werfen wir einen Blick zurück nach Europa, ins englische Hochmoor des
19. Jahrhunderts. Auch hier begann eine Frau zu schreiben, wie es nicht unbedingt
den Konventionen ihrer Zeit entsprach. Auch hier starb knapp dreißig
Jahre später in einem Dorf in den Yorkshire Dales am 19. Dezember 1848
die bedeutende englische Dichterin Emily Jane Brontë. Im Gegensatz zu
ihrer iranischen Dichterkollegin schrieb sie zunächst heimlich und publizierte
nur zögerlich auf Anraten und Bitten der Schwestern hin, zeitlebens unter
dem Pseudonym „Ellis“. Ihre selbst schreibende Schwester Charlotte
lobte ihre Gedichte in den höchsten Tönen: „Dies waren nicht
die üblichen Gefühlsergüsse und ganz und gar nicht die Albumspoesie,
die Frauen sonst allgemein schreiben. Diese Gedichte waren, so schien mir,
prägnant, kraftvoll und gefühlsecht. Ich hörte auch eine eigene
Musik heraus – wild, melancholisch und hochreißend.“
Emilys karges, hartes und einfaches Leben als verantwortliche Haushälterin
im väterlichen Pfarrhaus stand so ganz im Gegensatz zu ihrer Ich-entgrenzenden
mystischen Vereinigung mit der Natur, in der sie lebte und in der sie alles
sehen konnte, was poetisch für sie greifbar war. „Am wohlsten
ist mir wenn weit hinaus / Die Seele aus ihrem irdenen Haus / In mondheller
windiger Nacht ausbricht / Und mein Aug kann wandern durch Welten von Licht
// Wenn ich nicht bin und nichts umher / Nicht Erde, Himmelsblau noch Meer /
Nur Geist der wandert weltenweit / Endlos durch Unermeßlichkeit.“
Ihre Gedichte tragen keine Titel, sie sprechen für sich, sie sprechen vom
Weltall, von der Fantasie, der Begegnung mit den unbeugsamen Kräften der
Natur, von Einsamkeit, Schattenwelten und dem allgegenwärtigen Tod, der
die kleine Gemeinde im abgelegenen Yorkshire fast täglich traf, durch Schwindsucht,
Tuberkulose, Pest und Cholera.
Die Sonntags-Matinee im Theater im Marienbad will darüber hinaus in einem Vortrag von Margret Bäuerle auch mit dem Werk von Mechthild von Magdeburg und mit den Anfängen des Schreibens von Frauen in Europa seit dem Mittelalter bekannt machen: Anfänge, die zu jeder Zeit einen gewagten Aufbruch für schreibende Frauen darstellten. Zugleich ist dieser ungewöhnliche Morgen als Erweiterung und Vertiefung des Austausches des Theaters im Marienbad mit dem Iran gedacht. Er wurde in dieser Form angeregt durch die Aufführung der Produktion „Die Nächte der Schwestern Brontë“ des Theaters in Teheran auf dem dortigen Fadjr-Festival im Januar 2005. Die Begegnung europäischer schreibender Frauen mit einer persischen Dichterin, deren Ich-werdung im Schreiben wie ihre radikale Gesellschaftskritik sich fast zeitlos ähneln, werden neben dem Vortrag und einer Gedichtrezitation ausgewählter Gedichte auf Englisch, Farsi und Deutsch im Mittelpunkt dieses Morgens stehen. Musikalisch umrahmt wird die Lesung von dem Oud-Spieler Rimun Haddad.
Zu guter Letzt wird eine Brücke zur Gegenwart iranischer Schriftstellerinnen und schreibender Frauen im Iran geschlagen werden: Anhand der Ergebnisse eines Workshops des Theaters im Marienbad auf dem Teheraner Fadjr-Festival zu den „Schwestern Brontë“ sollen die Hoffnungen, Befürchtungen und Realitäten junger Frauen im heutigen Iran näher beleuchtet werden.
Moderation:
Dr. Ariane Huml
mit:
Daniela Mohr,
Renate Obermaier
Kirsten Trustaedt
Alireza Morshed
(Rezitation)
Vortrag:
Margret Bäuerle:
Mechthild von Magdeburg
Musik:
Rimun Haddad
Workshop - Bericht:
Margrit Schneider, Sonja Karada
Sonntag, 3. April 2005, 11 Uhr