O Rausch vom Glas der Liebe! Saki, bring Tau der Reben!
Schenk voll den Krug! Wo Wein fehlt, hat keine Runde Leben!
Hafis lesen mit Fazlollah Mostafawy
Datum: 19. Juni, 17.30 Uhr
Ort: Kommunales Kino
Mit Hafis
hat die persische Lyrik einen Gipfel erklommen – darüber
herrscht Einigkeit. Und die Iraner lieben Hafis. Warum? „Hafis
weiß, was die Menschen wünschen“, so erklärt das
eine junge Frau in der Hafis-Stadt Shiraz im Süden Irans. Mit dem
„Diwan“, der Sammlung seiner Gedichte, ist sie - wie
viele Junge, Alte, Liebespaare und Familien - zu seinem Grab gepilgert.
Hafis hat von der Liebe gesungen, den duftenden Locken des Geliebten
und vom Becher roten Weins. Er hat von Schönheit gesungen und
davon, wie man sich in schlechten Zeiten seine Freiheit erhält.
Und er hat von Gott gesungen und davon, dass man Gottes Liebe
überall findet und dafür als Wegweiser keine orthodoxe
Geistlichkeit braucht. Und auch heutzutage werden überall im Iran
Hafis’ Gedichte rezitiert oder gesungen und dazu im privaten
Kreis das eine und andere Glas selbstgemachten Weins getrunken.
Hafis war Zeit
seines Lebens gefährdet, aber er hat seinen Kopf immer wieder aus
der Schlinge gezogen, denn alles in seinen Gedichte ist vieldeutig zu
verstehen. Rausch/Wein - was ist gemeint? Trunkenheit?
Gottestrunkenheit? Und die Liebe? Eine mystische Metapher? Erhebt sich
der Mensch nicht auf den Schwingen der irdischen Liebe zur Liebe
Gottes? Hafis Gedichte bieten den größten Genuss, wenn ein
kundiger Interpret den Leser durch diese Mehr- und Vieldeutigkeit
führt.
Der iranische
Arzt und Dichter Fazlollah Mostafawy, der sowohl in Isfahan als auch in
Deutschland zuhause ist und perfekt Deutsch spricht, wird diese
Rolle eines Führers durch den „Diwan“ von Hafis
übernehmen. Gemeinsam mit dem Anwesenden wird er einige Gedichte
in wunderbar feiner Detailarbeit interpretieren und aus ihrem
Entstehungskontext heraus erläutern. Elisabeth Kiderlen, die drei
Monate als Gastdozentin an der Universität Isfahan unterrichtet
hat, wird erzählen, an welchen Orten und in welchen Situationen
man in Iran auf den Dichter trifft. Gut sechshundert Jahre ist Hafis
alt und überall dabei.