Badische Zeitung vom Samstag, 24. Juni 2006
Mit viel Leben
Das junge Begleitprogramm beim Freiburger Theaterfestival


Was haben Jugendliche heute noch mit Glauben am Hut? Was bewegt sie, wo und wie machen sie sich auf die Sinnsuche? Diese Fragen inspirierten die Theaterpädagoginnen Viola Sinn und Sonja Karadza im Rahmen des 14. Internationalen Theaterfestivals in Freiburg zu ambitionierten Projekten von und für junge Leute. Dabei stand ihr "Junges Beiprogramm" ganz im Zeichen von Kooperation und Kreativität.

Grenzüberschreitend und jugendgerecht, so die Auftaktveranstaltung "Chatroom — drei Schulklassen — drei Kulturen — drei Länder kommunizieren" . Denn hier beschnupperten sich erstmals rund dreißig Jugendliche aus Izmir, Jerusalem und Kirchzarten per Internet, um wenig später engagiert in eine Diskussion um Glauben und Kultur einzusteigen: Was bedeutet Religion für dich? Was denkst du über Abtreibung? Wie wichtig ist dir deine Familie? — Das waren nur einige der Fragen, die im Kesselhaus des Kinder- und Jugendtheaters Marienbad per Live-Schaltung über den Beamer flimmerten und von Jugendclub-Akteuren des Theaters Freiburg verlesen wurden. Obwohl nur spärlich besucht, entwickelte sich doch bald ein reges Gespräch zwischen dem Publikum und den 17-jährigen Schülerinnen und Schülern. Votum aller Beteiligten am Ende: unbedingt wiederholen!

Um eine ganz direkte und kritische Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten ging es dann in der Inszenierung "dek@log — vom Finden, Glauben und Suchen" (Regie: Viola Sinn, Sonja Karadza) im übervollen Kesselhaus. Auf der Grundlage der Filmskripte zu "Dekalog Eins und Zwei" des polnischen Autors und Regisseurs Krysztof Kieslowski haben sechs theatererprobte Jugendliche aus verschiedenen Freiburger Schulen in einem dreimonatigen Projekt ihre ganz eigene szenische Umsetzung des Textes erarbeitet — und dabei viel über so gewichtige Dinge wie Gewissen, Moral und Verantwortung diskutiert. Während ein mit Klarsichtfolie umwickeltes Lichtwesen noch ein inniges "Laudate" anstimmt und im hinteren Zuschauerraum Kerzen anzündet, lümmelt sich der elfjährige Pawel nachdenklich auf seinem Bett herum. "Warum sterben die Menschen?" , fragt er den Vater. "Weil sie Maschinen sind — und wie solche auch kaputt gehen können" , antwortet dieser ebenso lapidar wie überzeugt. Doch als sein Sohn wenig später tödlich verunglückt, bricht sein Denksystem vollkommen zusammen. "Bist Du da?" , hackt er am Ende verzweifelt in seinen Computer. "Out of memory" erscheint unbarmherzig als Antwort auf der großen Leinwand. Parallel entwickelt sich eine nicht weniger existenzielle Versuchsanordnung: Eine Frau drängt den Arzt zur eindeutigen Diagnose: Wird ihr todkranker Mann mit Sicherheit sterben und kann sie das Kind ihres Liebhabers behalten? Doch dann kommt alles anders.

Trotz berührend authentischer Momente und beeindruckender Schauspielleistung blieben die Szenen doch seltsam konstruiert und boten vor allem eine facettenreiche Diskussionsvorlage. Die füllten die Jugendlichen allerdings mit viel Leben und spürbarem Engagement.
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