Badische Zeitung vom Samstag, 17. Juni 2006
Der Tod als Geburtstagsfest
HIER IST DER TOD. Eine iranische Produktion im Auftrag des Freiburger Theaters im Marienbad: "Nur Gott darf mich wecken"

Hier ist der Tod. Auf der Leinwand explodiert ein stilles Feuerwerk, mitten im leeren, dunklen Raum. Eine Feier, an der man, wenn man gestorben ist, nur noch von ganz fern teilnimmt — von jenem Ort aus, an dem "Gott neben dir am Fenster sitzt" und Zeit und Raum aufgehoben sind. Im Dunkeln sitzt eine Frau und schneidet einen Apfel. "Schneid den Tod in kleine Stücke und werde ihn los" , sagt sie. Auch der iranische Regisseur Mohammed Aghebati lässt im Theater im Marienbad die Zeit zurücklaufen, nach dem Tod kommt das Leben: über dem ehemaligen Freiburger Schwimmbad öffnet sich der Boden, darunter erscheint Oskars blaues Krankenhauszimmer. Wie ein weinerlicher König der Wut thront der Junge auf seinem Bett: er weiß, dass er sterben wird und heult gegen das Schicksal an. Der Tod macht im Leben einsam, wenn die Eltern heimlich weinen und nicht über das nahende Ende sprechen.

Ehe die Dame in Rosa (Pantea Panahia) auf einem Brett zu ihm hinunterrutscht, wirft sie mit eleganter Geste die Apfelstücke ins Publikum. Im Gegensatz zum Bestsellerroman von Eric-Emmanuel Schmitt "Oskar und die Dame in Rosa" ist sie in "Nur Gott darf mich wecken" von Mohammed Charmshir keine reale Krankenschwester, sondern ein resolut mitleidsfreier Todesengel, der aus dem Nichts auftaucht. "Weine nicht um etwas, das nicht vorhersehbar ist" , sagt sie, "bevor man stirbt, muss man ein wenig leben" . Sie kitzelt ihm die Füße und schenkt ihm ein Messer — wie gut, eine letzte Wahl zu haben, wenn der Tod einen scheinbar wahllos erwischt. Wenn Oskar weint, ohrfeigt sie ihn — Oskar will geschlagen werden, das ist besser als die Sonderbehandlung des Todgeweihten.

In der Uraufführung — eine Auftragsarbeit des Freiburger Marienbads an die jungen Teheraner Regisseure Mohammed Aghebati und Jalile Haibatan für das Freiburger Theaterfestival — sieht man nicht, wie sich Oskars Zustand verschlechtert. Nur manchmal hustet Schauspieler Ali Moini — in Wirklichkeit 30 Jahre alt — und verkriecht sich unter seiner Bettdecke. Aber dann steht er wieder auf und bleibt ein kräftiger junger Mann, der sich anrührend in einen Zehnjährigen verwandelt. Die Krankenhaussituation wird so ins Metaphorische erhoben: ein philosophisches Zwiegespräch, das bereits im Jenseits stattfinden könnte. Zum Schluss bereitet die Dame alles für Oskars große Verwandlung vor. Der Tod als Fest der Verwandlung — eigentlich ein christliches Bild. Doch die Regisseure aus dem momentan so gefürchteten Iran wollen ihr Stück nicht religiös gelesen wissen.
Dorothea Marcus