Badische Zeitung, 19. Juni 2006
Freiheit ist nicht zu exportieren
BZ-INTERVIEW mit Fazlollah Mostafawy über den Iran  

In Freiburg, der Partnerstadt von Isfahan, möchte man mehr über den Iran erfahren, als über die Schlagzeilen von Atombombenprogramm, antiisraelischer Hetze und islamischem Fundamentalismus transportiert wird. Im Rahmen des Theaterfestivals wird Fazlollah Mostafawy aus Isfahan durch das Werk von Hafis (1326— 1390) führen, der als größter Lyriker der persischen Sprache gilt. Der 77-jährige Mostafawy hat als Arzt lange in Deutschland praktiziert und ist selbst auch Dichter. Mit ihm sprach Mechthild Blum.

BZ: Sie haben mit Ihrer Familie lange in Deutschland gelebt. Was hat Ihnen hier gefallen?
Fazlollah Mostafawy: Aufrichtigkeit, Genauigkeit, Offenheit — das sind die herausragenden Eigenschaften vieler Deutscher, mit denen ich beruflich und privat zu tun hatte und habe. Ich begann kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs mein Medizinstudium in Mainz. Später war ich an der Universität Gießen vor allem in der Pränatologie tätig. Mir gefallen auch die Wälder, die vielen grünen Landschaften . . .
BZ: Fiel es Ihnen leicht, mit der deutschen Lebensart zurechtzukommen?
Mostafawy: Im Praktischen gab es für mich nie Probleme. Was mir fehlt, ist die private Zugänglichkeit der Menschen. Man kann jahrelang mit ihnen zusammenarbeiten oder in einem Haus mit ihnen wohnen, ohne dass man sie näher kennen lernt. Es gibt im Gegensatz zu den iranischen Lebensgewohnheiten immer eine gewisse Reserviertheit.
BZ: Was haben Sie von der deutschen Kultur kennen, vielleicht schätzen gelernt?
Mostafawy: Schon als Student nahm ich an Goethe-Abenden teil, hörte viel klassische Musik, las alles von Heine und Kant, studierte im Nebenfach Philosophie, Soziologie und Psychologie.
BZ: Wo ist der große Unterschied zur iranischen Kultur?
Mostafawy: Wenn ich es ganz plakativ sagen soll: Die westliche Kultur ist mehr am äußeren Leben orientiert, die orientalische mehr an der Seele, dem Innenleben, der Mystik. Nicht umsonst haben die meisten der großen Religionen ihren Ursprung im Orient.
BZ: Könnten die iranische Kultur und eine demokratische Staatsform eine Verbindung miteinander eingehen?
Mostafawy: Was für eine Frage! Freiheit ist für alle Menschen unverzichtbar. Aber man kann sie nicht wie einen Markenartikel exportieren. Jedes Land muss sozusagen sein eigenes Produkt entwickeln.
BZ: Sie sind muslimischen Glaubens. Was ist Ihnen daran besonders wichtig?
Mostafawy: Über den Glauben zu einem guten Menschen zu werden, Gott nahe zu stehen, eine Richtschnur für mein Handeln zu entwickeln.
BZ: Was halten Sie von christlicher oder jüdischer Religion?
Mostafawy: Alle Religionen beziehen sich auf dasselbe: die Erkenntnis der Wahrheit. Das tun sie in verschiedenen Formen. Alle Religionen können aber auch missbraucht werden — zur Unterdrückung der Menschen oder zum Führen von Kriegen. Mit dem ursprünglichen Glauben hat das nichts zu tun. Deswegen schätze ich Hafis besonders, der für mich einen sehr toleranten, fast pantheistisch zu nennenden Islam verkörpert.

— "Hafis lesen mit Fazlollah Mostafawy" , moderiert von der Freiburger Kulturjounalistin Elisabeth Kiderlen, heute, 17.30 Uhr, Alter Wiehrebahnhof Freiburg.