Badische Zeitung vom Freitag, 23. Juni 2006
SM — und zwar im Namen Gottes
THEATERFESTIVAL FREIBURG: "Hosea" 
die erste Theaterarbeit des Schriftstellers und Islamkenners Navid Kermani


"Deine Brüste sind Zicklein, wie Honig dein Mund, wenn du mich küsst. Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt" . Wenn man es nicht schwarz auf weiß sähe, würde man kaum glauben, dass diese erotische Liebeslyrik in der Bibel steht. Lange galt das Hohelied Salomons dort als Fremdkörper, wurde etwas krampfhaft als mystische Vereinigung mit Gott gedeutet, doch man kann es einfach nicht verhehlen: Hier geht es um ganz konkrete, rauschhafte Liebesnächte zwischen Menschen.

So hinreißend deutlich die Liebeslieder, so drastisch sind die Gewaltszenen des Alten Testaments. Man findet hier detaillierte Handlungsanweisungen des Rachegottes an sein auserwähltes Volk: "Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden" , zum Beispiel im Buch Hosea. Dort berichtet der Prophet Hosea auch, wie er seine zwei Ehefrauen, vermeintlich Huren oder Ehebrecherinnen, straft und demütigt: "Dann will ich ihre Scham aufdecken vor den Augen ihrer Liebhaber, und niemand soll sie aus meiner Hand erretten" . Die Heirat mit ihnen ist sein "Opfer" , um dem israelischen Volk symbolisch seine Untreue zu Gott zu demonstrieren — wie nobel von ihm, aber ins männliche Selbstmitleid mischt sich auch eine gewisse Lüsternheit.

"Hosea" heißt auch die erste Theaterarbeit des Schriftstellers, Islamkenners und "Berufspersers" Navid Kermani, die Texte aus der Bibel mit Hebbels "Judith" zu einer intensiven Studie über Religion, Liebe und Gewalt montiert hat und jetzt beim Theaterfestival zu Gast ist. Auf einem schlichten, erhöhten Bett sitzen die Schauspieler Markus Scheumann — einer der Stars des Kölner Schauspielensembles — und, nicht weniger hervorragend, Vanessa Stern. Scheumann — der übrigens von Amélie Niermeyer nach Düsseldorf verpflichtet wurde, sie hatte schon immer einen guten Blick für Schauspieler — schillert in seiner Rolle zwischen moralisch aufgeheiztem, sexuell verklemmten Rächer, sadistischem Macho und Auserwähltem. Nur mit Jeans und T-Shirt bekleidet, entwickelt er eine zärtliche und unberechenbare Gefährlichkeit, erniedrigt und peinigt die Frau, um sie zwischendurch eifersüchtig, zärtlich und besitzergreifend zu lieben, was auf der Bühne eine Mischung aus Erotik und Grusel erzeugt: Psychopath oder zorniger Gott, der sich dennoch an seiner eigenen Gewalt zu weiden scheint — während Vanessa Stern souverän mit ihren Rollen als zitterndem Opfer, williger Verführerin, um Gnade flehender Geliebte spielt und vielleicht als Opfer eines sexuellen Missbrauchs ist, das den Täter dennoch verehrt und seine Dominanz herausfordert.

Die Grenzen verschwimmen, wie sie es auch in der Liebe auch oft tun. Doch wer handelt hier im Namen wessen, oder ist alles nur ein abgesprochenes Spielchen? Der religiöse Aspekt macht die Begegnung zwischen Mann und Frau noch beklemmender: Gott wird gewalttätig, weil er den Menschen liebt, die Verbindung von Gott und Mensch ist die einer unglücklichen, sadomasochistischen Liebe. Schade ist fast, dass der sehenswerte Abend nicht nur aus Bibeltexten besteht, die Hebbel-Texte wirken fast wie Fremdkörper.
Dorothea Marcus