Badische Zeitung vom Freitag, 23. Juni 2006
Postkommunistische Leere
THEATERFESTIVAL FREIBURG: Das russische Stück "Genesis Nr. 2" kommt ohne innere Handlung aus
Schöpfungstaten
eines Handelnden: Licht und Tag, Himmelsgewölbe, Land und Wasser,
Pflanzen, Himmelskörper, Meerestiere und Vögel, Landtiere und
schließlich die Menschen. Am siebten Tag ruht er.
Nein,
Antonia Welikanowa, Patientin einer psychiatrischen Klinik an der
Peripherie Moskaus, glaubt nicht an diesen Gott. Sie schreibt eine
eigene Schöpfungsgeschichte und schickt sie an den russischen
Autor und Regisseur Iwan Wyrypajew. Ein Briefwechsel entsteht. "Sie
meinen, dem Stück fehlt es an echter Handlung" , schreibt
Welikanowa und erklärt ihre Absicht: "Handlung ist Illusion, die
Sinn vorgaukelt." Und Sinn gibt es nicht mehr.
Tatsächlich
kommt "Genesis Nr. 2" , entstanden aus Texten, Kommentaren und Zitaten
aus dem Briefwechsel, im Inneren ohne Handlung aus. Antonia (Swetlana
Iwanowa) führt im Kleinen Haus des Freiburger Stadttheaters einen
verzweifelten Dialog mit ihrem (biblischen) Mann Lot, mit einem Arzt
aus der Klinik und, kaum zu glauben, mit Gott.
Alle drei
verfolgen als vermeintliche Autoritäten dasselbe Ziel (deshalb
auch nur ein Darsteller: Alexander Bargman): Antonia auf ihrer Suche
nach metaphysischer Sinngebung den Boden unter den Füßen
wegzuziehen. "Ich will hinsehen und erkennen" , ruft Antonia, "nur
deshalb lebe ich: weil es noch irgendetwas mehr gibt." Nur was?
"Nichts" , verkünden die drei. "Doch!" — "Nein." —
"Doch!" — "Nein." Antonia verliert sich in der Endlosschleife.
Die
biblische Schöpfungsgeschichte durch eine "Nr. 2" ohne Handlung zu
dekonstruieren, ist nicht die einzige Umkehrung, die das Stück
vollzieht. Wyrypajew selbst perspektiviert die Dialoge, auf dem
Akkordeon begleitet von Ajdar Gajnullin, mit Liedern, Gedichten und
Deklamationen. Er ruft im postkommunistischen Russland Sodom und
Gomorrha aus: "Russenliebe ist süßer als Torten!" Die
Sünde, im Alten Testament unter einem Regen aus Feuer und Schwefel
begraben, feiert Auferstehung. An die Stelle existenzieller Gewissheit
tritt die Prostitution als sicherstes Zeichen ethischer Haltlosigkeit.
Wyrypajews Vortrag ist laut und schnell, ein den biblischen
Prätext zersetzendes Gequassel von Fisch, Salz und Suppe, dessen
Wortreichtum die um sich greifende Leere verhöhnt.
Überhaupt
die Sprache: Sie ist ein wichtiges Element der Inszenierung. Der
russische Text wird in rasantem Tempo dargeboten, ohne Rhythmus und
Melodie zu verlieren. Die über Kopfhörer eingespielte
deutsche Übersetzung verfängt sich dagegen in Hektik. Ein
Glück, dass Regisseur Wiktor Ryschakow für zentrale Momente
des Stücks starke Bilder findet: Mit Salz gefüllte Eimer
werden umgestoßen, ihr Inhalt über die Bühne verteilt.
Leer rollen die Gefäße umher. Am Rand der Bühne
hängt eine goldene Schüssel, eine Weltkugel gleichsam, ein
leuchtender Gong: Es schlägt die erste und letzte Stunde.
Nico Daniel Schlösser