Frankfurter Rundschau, 26. Juni 2006
Festival in Freiburg
Konfrontationen mit dem Nichts
VON DOROTHEA MARCUS
Heiliger
Ernst in Zeiten von WM-Fieber und Sommerhitze: "Glauben" steht auf den
Fahnen, die am Theater Freiburg flattern, und auch das Logo in den
mausgrauen Programmheften ist ein einfaches Kreuz. Doch in Freiburg
findet keineswegs ein Kirchentag statt, sondern ein mit 240 000 Euro
vergleichsweise hoch subventioniertes Theaterfestival. In Zeiten, in
denen im deutschen Stadttheater Ironie, provokative
Entblößung und verschwenderische Einsätze von
Körpersekreten beklagt werde, hört sich dieses Vorhaben
anachronistisch an: zu erforschen, wie Glaube, Rituale, Sinnsuche und
Theater in den drei Weltreligionen heute noch zusammenhängen
könnten, nachdem sich das Theater schon vor Jahrhunderten von
seinen Ursprüngen in Opferritualen und Passionszügen
emanzipiert zu haben scheint. Obwohl in jeder Ecke der erhitzten Stadt
Fußballfernseher stehen, strömen die Besucher rege, selbst
in Vorträge mit spröden Titeln wie: "Sinnsuche auf dem
Theater" oder "Das kultische Schauspiel".
"Nimm
mich, David, lass uns den ganzen Tag im Bett liegen und von unsrer
Kindheit sprechen", haucht die israelische Performerin Smadar Yaaron,
als sie sich in der Freiburger Christuskirche zu Wagnerklängen von
einem riesigen Davidstern penetrieren lässt. In
Glitzerhöschen, das jüdische Hexagramm in blau - die Flagge
Israels - an pikanter Stelle eingestickt, feiert sie in Wishuponastar
eine doppelbödige, sexuell-mystische Vereinigung mit der
jüdischen Identität, stilisiert sich als Auschwitz-Opfer der
zweiten Generation, eine Fackelträgerin des israelischen Opfertums
-und verspottet zugleich ihre angeborene Verpflichtung dazu.
Genüssliche Entweihung
Yaaron
macht weder vor deutschen noch jüdischen Tabus halt, weiß um
deutsche Schuldkomplexe und israelische Schuldverstrickung und entweiht
dabei genüsslich und hysterisch die protestantische Kirche, in dem
sie eine Zuschauerin zum Rauchen verführt: verstörend und
geschmacklos - doch unvermittelt überlegt man auf einmal selbst,
wo der Respekt vor den eigenen religiösen Wurzeln liegt oder ob
man hier einen Götzendienst an der eigenen Toleranz betreibt.
"Israelis
behandeln sich durch Theater selbst", meint der Theaterwissenschaftler
Shimon Levy aus Tel Aviv: Allein in Tel Aviv laufen 81
Aufführungen in der Woche, mehr als die Hälfte sind neue
israelische Stücke, die wie selbstverständlich den Holocaust,
die Palästina-Frage oder soziale Probleme Israels thematisieren.
Und die immer wieder auf die scheinbare Opferung Isaaks durch Abraham
und seinen Gott verweisen, ein Grundtopos, ohne den weder das
israelische Theater noch die Gesellschaft zu verstehen seien. Theater
ist in Israel so ein starkes Bedürfnis, dass fast ein Drittel der
Einwohner regelmäßig ins Theater geht, eine Art
zynisch-mystischer Eigentherapie - und natürlich sei die Religion
in seinem Land niemals von der Politik zu trennen (was man ja auch
schon am jüdischen Davidstern in der israelischen Flagge und auf
Smadar Yaarons Höschen sieht.)
Eine ganz
andere Rolle spielt der Glaube, und das ist keine neue Erkenntnis, im
Theater des islamischen Gottesstaats Iran. Das weit verbreitete
Tazieh-Theater ist ein streng komponiertes Passionsritual, das den Tod
von Imam Hossein, dem größten Märtyrer des schiitischen
Islam nachstellt und die ländlichen Zuschauer vor Trauer
zusammenbrechen lässt - Abbas Kiorastami hat das in einem
eindrucksvollen Film dokumentiert.
Auch das
moderne Theater in Iran sei von Spiritualität durchdrungen:
"Selbst in Komödien oder im Puppentheater versuchen iranische
Regisseure, eine Verbindung mit dem Übernatürlichen zu
zeigen", meint der Teheraner Theaterwissenschaftler Ghotebin Sadeghi.
Man sieht es in Freiburg an der iranischen Uraufführung von Nur
Gott darf mich wecken nach dem Roman Oskar und die Dame in Rosa des
Bestsellerautors Éric-Emmanuel Schmitt. Die Geschichte des
leukämiekranken Jungen, der 13 Tage vor seinem Tod das Leben
entdeckt, wird vom iranischen Gegenwartsautor Mohammed Charmshir in ein
philosophisches Zwiegespräch zwischen einem todkranken Mann und
seinem resolut mitleidsfreien Todesengel verwandelt. Er verspottet
Oskars Jammern und strickt an einem rosa Riesenschal, der
schließlich zum fröhlichen Leichentuch wird. "Der Tod ist
der Beginn eines neuen Stadiums, eher ein Fest als ein Grund zur
Trauer", meint Regisseur Mohammed Aghebati, "diesen Gedanken gibt es in
allen Religionen."
Neue Sehnsüchte nach Spiritualität
Während
Brecht noch meinte, dass erst das Verlassen des religiösen Raums
Theater entstehen ließ, sieht das einer der gegenwärtig
größten Regisseure in Deutschland etwas anders: Luk
Perceval, Hausregisseur der Berliner Schaubühne, der in seinen
Inszenierungen mit dem arbeitet, was er "Ritualisierung" nennt, der
Schaffung einer realen Gegenwartserfahrung in einer Gemeinschaft von
Schauspielern und Zuschauern, in der für kathartische Momente die
elende Trennung zur Welt aufgehoben ist. Für ihn ist Theater und
Glauben zwar eigentlich ein Widerspruch, schließlich
zerstöre das Theater Dogmen, die von der Religion geschaffen
wurden. Dennoch will er mit seinem Theater einen Ort schaffen, wo man
sich auf tröstliche Weise mit dem Nichts konfrontiere, deshalb sei
eine Theatererfahrung spirituell - berichtete er in einem brechend
vollen Raum. Dass es auch hier zu Lande eine neue Sehnsucht nach
räucherkerzenfreier Spiritualität gibt, hat sich auf dem
Freiburger Festival eindrucksvoll gezeigt.