Badische Zeitung vom Montag, 19. Juni 2006
Die Schönheit ist nicht der schöne Schein
Kluge
Reden, noch klügere Referate, vielsprachige Musik aus Istanbul und
ein beeindruckender Regisseur zur Eröffnung des 24. Freiburger
Theaterfestivals "Glauben"
Viel Lob
und Ehr. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt immerhin hat im
Kleinen Haus des Theaters eine klare und schöne Rede gehalten zur
Eröffnung des 24. Internationalen Freiburger Theaterfestivals.
Gernot Erler (SPD) belobigte im Namen der Bundesregierung
ausdrücklich das Bemühen des als Veranstalter
federführenden Theaters im Marienbad, den vielbeschworenen Dialog
der Kulturen fortzusetzen — gerade das Festival, das sich bis zum
26. Juni dem Thema "Glauben" (in den Weltreligionen Christentum,
Judentum und Islam) widmet und mehrere Gastspiele aus dem Iran zeigt,
sei der Ort dafür. Erler verschwieg nicht, wie schwer es unter
einem iranischen Staatschef namens Ahmadinedschad geworden ist, dem
Iran offen gegenüberzutreten. Zur Politik der Verständigung
gebe es allerdings keine Alternative. Und wo könne das
Gespräch vorurteilsloser geführt werden als auf dem Feld der
Kultur?
Wohl wahr. Freiburgs Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD), der einmal mehr für
den auf
dem Feld der Kultur durch Abwesenheit glänzenden
Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) sprach, fand nicht
minder anerkennende Worte für die von langer Hand vorbereitete,
zwischendurch aus gemeinderätlich geltend gemachten
Finanzgründen gefährdete und am Ende mit Unterstützung
einiger Stiftungen doch realisierte Idee, ein Theatertreffen wider die
eventgesteuerte "Festivalitis" in Szene zu setzen.
Noch mehr
Reden. Referate. Wie das zu verstehen ist, das sollte der
Eröffnungsabend programmatisch zeigen. Dem sinnlichen Erlebnis war
nicht nur ein Vortrag vorgeschaltet, sondern, doppelt ist nachhaltiger,
deren zwei. "Woran können wir glauben?" Mit dieser Frage zielte
Carl Hegemann, seit 1992 Dramaturg an Frank Castorfs Berliner
Volksbühne, passgenau ins Zentrum des zehntägigen Gastspiel-,
Vortrags-, Arbeitskreis- und Diskussionsforums. Hegemann ist
promovierter Philosoph, das merkt man, doch seinen brillanten
Überlegungen haftete nichts Akademisches an. Langjährige
Theaterpraxis prägt offenbar. Diese begann übrigens in
Freiburg, unter dem Intendanten Friedrich Schirmer. An das
Theaterfestival 1991 erinnert sich Hegemann besonders gern: Es trug das
Motto "Lust auf Hölle" .
Von dort
bis zum "Glauben" scheint es ein weiter Weg zu sein. Die
Errungenschaften der Aufklärung wollte Hegemann nun aber auf
keinen Fall drangeben. Die Frage "Woran können wir glauben?" ist
für ihn nur im Durchgang durch die Philosophien Kants, Hegels,
Nietzsches, Heideggers zu beantworten. Danach kann man an alles
glauben: daran, dass die Welt eine Badewanne ist, so gut wie an den
Weltmarkt — und das Vertrackte am Glauben liegt darin, dass seine
Behauptungen unkorrigierbar sind.
Doch
Hegemann ging es nicht um ein Bekenntnis zum Relativismus, sondern um
die Annäherung an universell Gültiges. In einer spannenden
Wendung zum christlichen Gott warf er den Glaubensgegensatz schlechthin
in die Waagschale: Entweder man glaubt an die Unsterblichkeit oder an
die Sterblichkeit. Beides sei gleichermaßen unerträglich.
Was tun? Das eine mit dem anderen verbinden — wie das "Kunstwerk
Gottes" , sich ans Kreuz schlagen zu lassen, um sterblich zu werden;
das Leben in der paradoxen Spannung zwischen Freiheit und Hilflosigkeit
auszuhalten, statt auf Erlösung zu hoffen. "Wir müssen
versuchen, alles im Griff zu haben in dem Bewusstsein, nichts im Griff
zu haben." Nichts, was den Widerspruch vereinen könnte? Doch: die
Liebe und die Schönheit — auch auf dem Theater.
Damit
hätte es an kluger Reflexion fürs Erste genug sein
können. Michael Huthmann, Professor an der Hochschule für
Musik und darstellende Kunst in Stuttgart, war indes noch mit der
Aufgabe betraut, das Theater als "Ereignis und Widerspruch" ins Spiel
zu bringen. Leider verwechselte der Redner, zum Unglück nicht
zuletzt für sich selbst, den Zuschauerraum mit einem Hörsaal.
Nach 30 Minuten, die mit der viel versprechenden These begannen, das
Theater stelle "reale Präsenz" her, hatte sich der Redner derart
ins begriffliche Dickicht des postmodernen Subjekts und seiner
Theoretiker Foucault, Kristeva, Barthes geschlagen, dass ihm kaum noch
jemand folgen mochte. Durch vorzeitigen Applaus wurde er zur Aufgabe
gezwungen.
Klagegesänge.
"Ashura" soll die Speise gewesen sein, die Noah nach der Sintflut zu
sich nahm. Am Ende wurde das Rezept verraten: ein gelierter Brei mit
vielen köstlichen Zutaten. Im Zusammenspiel des Heterogenen
entsteht der Genuss — ein sprechendes Bild. Davor weinten die
sieben Musiker und zwei Darsteller, die sich diesen Namen gegeben
haben, mit klanglichen und mimischen Mitteln über die Ausgrenzung
des "Anderen" als des für die eigene Identität Bedrohlichen.
Schwarz gekleidet auf dunkler Bühne, die — warum, das
erschloss sich nicht — mit zahlreichen Wasserflaschen
bestückt war, trug die aus Istanbul stammende Gruppe um Mustafa
Avkiran und Övül Akran mit heiligem Ernst armenische,
syrische, hebräische, türkische, kurdische, arabische,
griechische, sephardische Lieder aus Anatolien vor, die in
erstaunlicher Verwandtschaft — bis auf die arabischen mit ihrem
Gotteslob — vom Verlust und dem Schmerz über ihn
künden: das verlassene Dorf, das Exil, die Migration, die
entfernte Geliebte, die fortziehende Karawane — eine einzige
Elegie, getragen von den großartigen, das Herz berührenden
Stimmen der Sänger, grundiert von den suggestiven Rhythmen der
Trommel. Dem postmodernen westlichen Gemüt mag ein solches Pathos
fremd erscheinen — gerade im Befremden jedoch, so scheint es,
geschähe eine adäquatere Rezeption des "Anderen" als in der
vorschnellen Umarmung.
Ein
Regisseur. Dass er mit Religion nichts zu schaffen hat, hat Luk
Perceval in einem Interview ("Ticket" vom 14. Juni) gerade deutlich
gemacht. Da sitzt er nun, der berühmte flämische
Theatermacher mit der Wollmütze, im Kesselhaus des Marienbads. Und
erzählt von seinen verheerenden Erfahrungen als Schauspieler in
den Achtzigern ("ein lebendes Requisit") und seiner Auffassung des
Theaters als Ritual. Man sieht auf einem Video, wie die Schauspieler in
seiner Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja" minutenlang einfach
dasitzen, auf Stühlen. Nichts passiert. Das Warten als Erfahrung
— und das Theater nicht als Simulationskulisse, als
Unterhaltungsmaschine, als schöner (oder weniger schöner)
Schein, sondern als Ort der Konzentration, des Seins: Man wird den
Freiburger Auftritt Luk Percevals in Erinnerung behalten — dem
Festival sei Dank.
Bettina Schulte