Badische Zeitung vom Montag, 26. Juni 2006
Begräbnis erster Klasse
THEATERFESTIVAL: Goebbels´ "Eislermaterial“
Wenn der
Schatten der Büste des kleinen Mannes namens Hanns Eisler
übergroß die Bühne dominiert, geht der Kampf der
Arbeiterbewegung in seine finale Phase: ihre Auflösung. Dann
erleben wir den streitbaren Komponisten-Philosophen im Labyrinth seiner
ideologischen Verstrickungen, einem Pasticcio aus
Eisler-Originalzitaten, von Heiner Goebbels geradezu schwindelerregend
gemixt.
Wie
hätten sich Eisler und Bert Brecht, von dem die meisten seiner
vertonten Texte stammen, wohl zum (unfreiwilligen) Kontext der
Aufführung von Goebbels´ "Eislermaterial" im Rahmen des
Freiburger Theaterfestivals am Samstagabend geäußert? Denn
draußen vor dem überraschend gut besuchten Stadttheater
herrscht der Ausnahmezustand. Da feiern die Urenkel der Kinder, denen
Brecht und Eisler ihre so genannte Kinderhymne gewidmet haben,
ausgelassen den Einzug ihrer Fußballmannschaft in das
WM-Viertelfinale. Drinnen singt Josef Bierbichler authentisch
"eislerisch" den Text: "Anmut sparet nicht noch Mühe,/
Leidenschaft nicht noch Verstand,/ dass ein gutes Deutschland
blühe/ wie ein andres gutes Land" . Zumindest blieben diese drei:
Anmut, Mühe, Leidenschaft & Und die Interpreten —
Bierbichler und das glänzend agierende Frankfurter Ensemble Modern
— reagieren auf das Umfeld, und so vernimmt man im Theater einen
stadiongerecht skandierten "Deutschland" -Schlachtruf. "Und nicht
über und nicht unter/ andern Völkern woll´ n wir sein".
Trotzdem
ist "Eislermaterial" ein Begräbnis erster Klasse, ein Nachruf auf
einen, der nicht aufhören wollte zu glauben an die Utopie eines
anderen, besseren, sozialeren Menschen. Weshalb die Hommage gut
aufgehoben ist im Kontext des Theaterfestival-Leitmotivs "Glauben" .
Und auch wenn die etwas über einstündige Collage, oft ganz
nach Art des guten alten Potpourri, kein Glaubensprozess ist, will
einem nicht aus dem Sinn, dass hier der Fall Eisler verhandelt wird.
Allein durch die aus der Premiere von 1998 übernommene Aufstellung
der Musiker im Halbrechteck. Vor ihnen hat sich der kleine Mann zu
verantworten, der immerhin, was die Musik anging, beharrlich forderte,
dass sich die Menschen verändern müssten, damit sie etwa mit
seinen Zwölftonklängen etwas anfangen könnten. Einiges
davon bekommt man in den ausgewählten Instrumentalwerken
vermittelt — eindrucksvoll vermittelt von einem hinreißend
engagiert und präzise aufspielenden Ensemble Modern, das an diesem
Abend durch den Freiburger Klarinettisten und Saxophonisten Matthias
Stich verstärkt und bereichert wird. Doch selbst die virtuoseste
Darbietung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser
Hanns Eisler der Gegenwart nicht mehr allzu viel zu sagen hat. Und dass
von ihm möglicherweise nicht viel mehr bleiben wird, als die
Erinnerung an eine zumeist etwas weinerliche, larmoyante Musik —
Sepp Bierbichler ist ihr perfekter Rezitator — , deren
Schöpfer fest an die Auferstehung des Menschen aus Ruinen geglaubt
hat.
Alexander Dick