Badische Zeitung vom Dienstag, 27. Juni 2006
Die Welt zu Gast bei Freunden  
24. Freiburger Theaterfestival

Mit 7000 Zuschauern bei 20 Veranstaltungen und derselben Anzahl von Vorträgen hat das 24. Freiburger Theaterfestival der Fußballweltmeisterschaft tapfer standgehalten. Bei Näherem betrachtet, hat es sie sogar aufs Schönste ergänzt. Die Welt war auch auf den Freiburger Bühnen zu Gast bei Freunden — nicht die ganze, aber immerhin stammte die Hälfte der 210 eingeladenen Künstler aus dem Ausland. Das hatte natürlich mit der thematischen Ausrichtung des Festivals zu tun. Zu möglichen Schnittmengen zwischen Glauben und Theater trugen Ensembles aus den Kulturkreisen der drei monotheistischen Religionen bei. Unterschiede wurden deutlich und auch sinnlich erfahrbar: Die Ernsthaftigkeit, mit der Künstler aus dem Iran und der Türkei auf der Bühne stehen, ließen Produktionen aus Deutschland vermissen. Die größte Enttäuschung bot in dieser Hinsicht das mit Spannung erwartete Gastspiel des Hamburger Thalia Theaters mit Stephan Kimmigs Inszenierung von Lukas Bärfuss´ Stück "Der Bus". Lag es an der Regie oder am lachbereiten Publikum: Die in diesem Stück angeblich zentrale Frage nach dem christlichen Glauben in gottloser Zeit verpuffte im Warten auf den nächsten Witz. So kann der Regisseur seine Inszenierung, die 2005 immerhin mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, nicht gemeint haben. Trotzdem kam der Eindruck einer postaufklärerischen Beißhemmung auf, das sich in der Heldin, einer frommen katholischen Pilgerin, artikulierende Bedürfnis nach Metaphysik schlicht abzubilden, anstatt es wohlfeil ironisch zu unterlaufen. Haben wir skeptischen Westler wirklich ein- für allemal abgeschlossen mit der Frage nach dem (überpersönlichen) Sinn?

Dieter Kümmel, der Leiter des Festivals, ist keineswegs dieser Meinung. Das Theater, so seine persönliche Bilanz der anregenden neun Tage, die nicht zuletzt durch die Kooperation mit etlichen Partnern in der Stadt so gut gelungen sind, müsse sich auf den Ernst eines grundsätzlichen Fragens zurückbesinnen, um seine Existenz in finanzknappen Zeiten noch legitimieren zu können. Festivals gibt es wie Sand am Meer. Es herrscht die Beliebigkeit des Events. Dass die Bundeskultur- und die Landesstiftung Baden-Württemberg das Festival mit 60 000 Euro unterstützt haben, ist allein auf dessen thematische Zuspitzung zurückzuführen. Die 120 000 Euro, die der Stadt das Festival wert war, sind in jedem Fall gut investiert — auch im ökonomischen Sinn, denn die Hälfte des Geldes ist in Freiburg geblieben: für die Übernachtung der ausländischen Künstler, die Freiburg als offene, lebendige Stadt wahrgenommen haben. Auch so kann man Marketing betreiben.
Bettina Schulte