Deutschlandradio, Kultur heute, 25. Juni 2005
Vom Glauben heute
In Freiburg geht ein internationales Theaterfestival auf Sinnsuche
Von Dorothea Marcus
Religion,
zumal die großen Religionen, waren Thema des Internationalen
Theaterfestivals in Freiburg. Die israelische Performerin Smadar Yaron
zeigte sich in sexuell-mystischer Ekstase und ein iranischer
Theaterregisseur konzentrierte sich auf die große Rolle der
Mystizismus im Leben eines jeden Iraners.
Take
me… take me… take me… let's lie in bed all
day…and tell each other about our childhood….
I am
Smadar Yaron. Second generation of the survivors of the
Holocaust…I have the honor here to light the torch in Auschwitz
today… to millions… and millions…
Nimm
mich, David, lass uns den ganzen Tag im Bett liegen, haucht die
israelische Performerin Smadar Yaron, und lässt sich in der
protestantischen Freiburger Christuskirche von einem
überdimensionalen Davidstern penetrieren - zu Wagner-Klängen.
In Glitzerstrapsen, auf dem knappen Höschen an pikanter Stelle
ebenfalls ein blauer Davidstern aufgenäht, windet sich Smadar
Yaron in ihrer Performance "Wishuponastar" in sexuell-mystischer
Ekstase - um sich dann kreischend als Auschwitz-Opfer der zweiten
Generation zu stilisieren. Eine Fackelträgerin des israelischen
Opfertums, das sie gleichzeitig vertritt und kritisiert.
Die
Performerin überschreitet in der Kirche lustvoll, geschmacklos und
zuweilen quälend hysterisch israelische und deutsche Tabus -
religiöse und nationale. Der Davidstern, Symbol des Judentums und
Israels, ist bei ihr Anbetungsobjekt und Gegenstand der Kritik
zugleich. Yaron will hinter die ihrer Ansicht nach aufgeklebten Tabus
stoßen, sie spießt den deutschen Schuldkomplex ebenso auf
wie die israelische Schuldverstrickung gegenüber Palästina.
Nach
Ansicht des israelischen Theaterwissenschaftlers Shimon Levy ist das
innerhalb der reichen israelischen Theaterszene ein typischer Akt. In
Israel, sagt er, wird die Politik auf dem Theater ständig
thematisiert - und ist nicht zu trennen von der Religion:
Auch die
meisten, die nicht religiös sind, haben mit der Glaubensfrage
etwas zu tun. Auch, wenn sie nein sagen, ist es eine Aussage. Wir sind
Israelis, wir sind vielleicht Juden, weil unsere Eltern Juden waren,
aber wir gehen nicht in die Synagoge... es interessiert uns nicht....
Aber damit ist man geboren, damit muss man sich auseinandersetzen. Das
macht man auch auf der Bühne. Israelisches Theater ist sehr
kritisch. Bei uns ist Realität ein harter Regisseur. Es sind 5,6
Fragen, die fast immer in der Luft sind und auf der Bühne.
Holocaust, Araber, Kriege und Religion, soziale Fragen, wovon wir auch
mehr als genug haben, dann ethnische Unterschiede zwischen
jüdischen Gruppen usw. In dem Sinn behandeln sich die Israelis
durch das Theater sehr intensiv.
Nach
Shimon Levy gehören die israelischen Zuschauer nach den Finnen zu
den intensivsten Theaterbesuchern in europäisch geprägten
Ländern - obwohl es nur eine staatliche Unterstützung
erhält, die in etwa derjenigen der Berliner Schaubühne
entspricht. Den Glauben im jüdischen Theater sieht er als eine Art
zynisch-mystischer Eigentherapie.
Eine ganz
andere Rolle spielt die Religion, wie man sich denken kann, in der
Theaterszene des islamischen Gottesstaats Iran. Dort gibt es vor allem
zwei Erscheinungsformen: eine moderne, junge Theaterszene, die einst
stark vom Schah gefördert wurde und die iranische Bevölkerung
auch heute trotz Zensur in Scharen ins Theater lockt. Und es gibt das
weit verbreitete traditionelle Tazieh-Theater, im Jahr nur drei Wochen
gespielt wird: Ein schiitisches Trauerritual, das den brutalen Tod von
Imam Hossein, dem größten Märtyrer des schiitischen
Islam nachstellt und bei der einfachen Bevölkerung oft
religiöse Trauerekstasen auslöst. Wie verträgt sich das
mit dem Bilderverbot des Islam? Der Teheraner Theaterwissenschaftler
Ghotebin Sadeghi:
Das Tazieh war während der Schah-Zeit praktisch tot.
Erst nach
der Revolution ist es erneuert worden, stark unterstützt von der
religiösen Politik des Landes. Es ist eine Basis des Regimes, um
es zu konsolidieren und Propaganda zu machen - und es hat seine Wurzeln
tief in der persischen Geschichte. Der religiöse Klerus war
dennoch stark dagegen, es wieder einzuführen - weil es in der Tat
gegen das Bilderverbot verstößt. Aber es zeigt, was für
eine große Rolle der Mystizismus im Leben eines jeden Iraners
spielt. Das merkt man auch im modernen Theater, das kaum etwas mit
Tazieh zu tun hat: Iranische Regisseure versuchen immer, etwas hinter
den alltäglichen Phänomen zu zeigen, eine Verbindung zwischen
dem Natürlichen und dem Übernatürlichen zu schaffen.
Dass zeigt sich selbst in Komödien oder im Marionettentheater.
"Gestern
bin ich gestorben. Alle Menschen, die ich gern habe, sind gegangen",
spricht eine Stimme in einen dunklen Raum. Es ist der kleine Junge
Oskar aus dem Bestsellerroman des belgischen Autors Eric-Emanuel
Schmitt "Die Dame in Rosa", die der persische Gegenwartsautor Mohammad
Charmshir in ein philosophisches Zwiegespräch zwischen einem
todkranken Mann und seinem resolut mitleidfreien Todesengel verwandelt
hat, der Oskars Jammern verspottet und an einem rosa Riesenschal
strickt, der schließlich das Leichentuch wird - auf der Leinwand
explodiert ein stilles Feuerwerk, über dem Toten hängen
Geburtstagsgirlanden. Die iranische Regisseurin Jalile Haibatan:
Der Tod
ist das Fest der Veränderung. Dies ist keine islamische oder
christliche Sicht auf den Tod, sondern eine menschliche Sicht. Der Tod
ist der Beginn eines neuen Stadiums, diesen Gedanken gibt es in allen
Religionen. Wichtig ist ja vor allen Dingen, dass man im Angesicht des
Todes das Leben lernt.
Und das
Theater im aufgeklärten Deutschland? Auch hier scheint sich eine
neue spirituelle Sehnsucht anzudeuten - zumindest in Freiburg, wo trotz
des spröden Festivalmottos, WM-Fieber und Sommerhitze die
Zuschauer rege ins Theater strömen. Der belgische Regisseur Luc
Perceval, neuer Hausregisseur an der Berliner Schaubühne,
propagiert in seinen Inszenierungen schon lange eine neue
Ritualität im für ihn recht depressiven deutschen Theater:
Für
mich ist Theater und Glauben ein Widerspruch eigentlich. Weil Glauben
ist für mich gleich an Religion, und Religion ist sehr dogmatisch.
Andererseits gibt es schon eine Gemeinsamkeit zwischen Glauben und
Theater, in dem Sinn, dass der Glauben erfunden ist, um die
Gemeinschaft ein Gefühl von Halt zu geben. Ein Gefühl von
Orientierung, eine Moralität.
Ich finde
dass es sich viel mehr anlehnt bei der östlichen Philosophie. Die
letztendlich sagt: wir wissen nicht, woher wir kommen und wohin wir
gehen, dafür gibt es keine Antwort. Da kann man nur sagen: aus dem
Nichts. Wir kommen vom Nichts und gehen zum Nichts. Und in dem Sinne
hat Theater viel mehr mit Spiritualität zu tun. Weil es uns
eigentlich konfrontiert mit unserem Nicht-Wissen. Darin schafft das
Theater eigentlich eine Gemeinschaft von Nicht-Wissenden.