Badische Zeitung vom Montag, 26. Juni 2006
Der Geist der Verzückung
FREIBURGER THEATERFESTIVAL : "Dervish in Progress" — Ziya Azazi tanzt zu Mercan Dedes Musik
Begibt
sich der Derwisch in den heiligen Bezirk des Klosters, um zu tanzen,
übt er völlige Hingabe. Das Kreisen des Körpers um das
Herz, der Kontakt zu Gott mittels zum Himmel gereckter Hand, die
Weitergabe seiner Gnade an die Erde durch die andere — dieser
streng ritualisierten und kontrollierten Gestik wohnt das Ziel der
Verschmelzung mit dem Höchsten inne. Doch der Tanz der
türkischen Sufi-Bruderschaften hat natürlich auch eine
ästhetische Dimension: Die Eleganz der Drehungen, die
spindelartige Sogwirkung bietet sich geradezu für eine
Stilisierung an. Mit seinem zum Freiburger Theaterfestival im E-Werk
getanzten Stück "Dervish in Progress" nahm der
Performance-Künstler Ziya Azazi die Herausforderung an, aus den
bloßen konzentrischen Bewegungen ein Maximum an Ausdruck
herauszuholen. Was in einem Sufi-Kloster auf spiritueller Ebene
vonstatten geht, agiert der Tänzer hier ekstatisch aus: Es ist,
als wolle er die innere Reise des Adepten dem Auge offenbaren.
"Progress"
in
schöner Doppeldeutigkeit: Azazi zeigt den Sufi in der Sphäre
des progressiven Tanzes, betont aber auch die Abfolge, das
Fortschreiten der Verzückungszustände.
Nach
einem kurzen kontemplativen Beginn — noch kauert der Protagonist
demütig am Boden — ertönen technoide Klangsignale, die
auf die Tanzfläche zwingen. Schnell wird das herkömmliche
Vokabular der Zeremonien überwunden: Inmitten des schwingenden
Gewandes windet Azazi das Haupt, rauft sich die Haare, entledigt sich
Kopfbedeckung und Jacke, überträgt die Schluchzer und Schreie
der Klarinette aus der Begleitmusik auf seine Mimik, Bilder von
anatolischen Volkstänzen und gar vom tuchschwingenden Torrero
stehlen sich in die Choreografie. Kongenial der Soundtrack: Mercan Dede
hat ihn geliefert, derzeit das prominenteste Gesicht der
experimentellen türkischen Musik und selbst Sympathisant der
Sufi-Philosophie (am 5.8. beim Stimmen-Festival Lörrach zu sehen).
Er verbindet den reichen Schatz der türkischen Traditionen mit der
urbanen Klangsprache von Drum ´ n´ Bass und Techno. Und
bettet so Azazis Darbietung in einen poppig-plakativen Kontext, der
immer sinnlicher und betörender wird: Die Athletik des
Körpers zwingt das Derwisch-Gewand in eine Vielfalt von Formen:
Das rauschende Wogen des Rocks lässt an exotische Lampenschirme,
an wallende Medusen denken.
In der
Ekstase potenziert Azazi die Drehmomente immer weiter: Stets kreisend
umrandet der Körper die Tanzfläche, jongliert das Gewand in
die Höhe, bis es gen Himmel entschwebend ein Eigenleben zu
entwickeln scheint: Die Seele auf dem Weg zu Gott? Letztlich unterliegt
die Reise zu Gott dem Schicksal alles Körperlichen: Die
Schwerkraft fordert ihren Tribut, der Leib stürzt zurück auf
die Erde, windet und krümmt sich als Stoffbündel am Boden.
"Dervish in Progress" hat somit vor allem eines treffend eingefangen:
Das Trachten des mystischen Asketen nach Überwindung der
materiellen Welt. Das Hauptthema natürlich auch noch für den
Derwisch des 21. Jahrhunderts, für dessen Verkörperung Azazi
tosenden Applaus erhielt.
Stefan Franzen