Badische Zeitung vom Dienstag, 20. Juni 2006
Pilze statt Pyramiden
Die Altenexplosion auf der Bühne: "Der moderne Tod" als Gastspiel vom Schauspielhaus Hamburg beim Freiburger Theaterfestival  

Deutschland 2006. Ein überaltertes Land, über dem demographische Kurven schweben wie bedrohliche Pilze — statt Pyramiden. Jeder, der den "Methusalem-Komplex" gelesen hat oder die Mediendebatten verfolgt, weiß jedoch, dass es noch schlimmer kommt: Verteilungskämpfe zwischen Jung und Alt werden zu Hungerkriegen führen, die immer weniger werdenden "Produktiven" werden die auferlegte Last nicht mehr bewältigen können. "Es muss wieder natürlich sein zu sterben" , verkünden auf der Bühne des Kleinen Hauses des Theaters Freiburg eloquent sechs Zukunftsforscher, die messerscharf aufzeigen, dass Fitnesskult bis ins hohe Alter und gut trainierte Rentnerkörper nicht taugen, um Jugendarbeitslosigkeit und Rentenexplosion etwas entgegenzusetzen. Denn die Todeszahlen müssten steigen, um den Produktiven ein Leben zu ermöglichen!

Zum Glück gibt es Vordenker. Auf der Bühne stehen sie hinter Rednerpulten, federn kraftstrotzend durch den Raum und definieren die Sterbehilfe
so neu, dass es gruselt — denn ihre Ideen, vorgetragen in geöltem Geschäftsdeutsch, klingen erschreckend plausibel. Bereits 1978 veröffentlichte der schwedische Schriftsteller Carl-Henning Wijkmark seine radikalen Lösungsmöglichkeiten für die so genannte "Altenexplosion" und rief als Reaktion angeblich nur ein "Hüsteln" hervor — aber damals war die Bevölkerungskurve noch lange nicht so dramatisch wie jetzt. Es ist das Verdienst von Regisseurin Crescentia Dünßer, den vergessenen Text für die Bühne entdeckt zu haben, wo er eine bestürzende Aktualität entwickelt. Die sechs "Experten" vom Schauspielhaus Hamburg, die uns ihre Zukunftsvisionen einpeitschen, haben viele Gewährsmänner: Luther zum Beispiel, für den mongoloide Kinder Wechselbälger des Teufels waren — oder ärztliche Abwägungen, nach denen der "Gesellschaftswert" eines Menschen bestimmt, wer zuerst auf der Intensivstation behandelt wird.

Die Aufführung ist ein Gedankenexperiment mit perfider Logik, die wie die natürliche Konsequenz des aktuellen deutschen Lamentierens wirkt. Denn die letzten Lebensjahre kosten nun einmal ein Vermögen, und wo die Pflegekräfte hernehmen? Passend werden auf eine Leinwand die Schlünde überbevölkerter Satellitenstädte projiziert, entpersonalisierte, elende Leben. Warum sollten nicht alle im selben Alter sterben müssen? Wir sind ja auch gleich alt, wenn wir geboren werden! Sinnvolle und solidarische Opfer sind gefragt! Die Lösung der Altersfrage könnte so aussehen: Durch psychologische Maßnahmen den Selbstmord ab 75 fördern, und wer sich weigert, wird vom Sterbedienst abgeholt! Volksfeste zum Tode werden das Ende würdig begehen, und wenn man Goldzähne und Körperfett recycelt, kann man sogar was für die Rohstoffversorgung tun ... Beinahe ertappt man sich dabei, altbekannten Gedanken positiv gegenüberzustehen. Warum sollte man über die "Todeskontrolle" nicht ebenso nachdenken wie über Geburtenkontrolle? Doch dann sehen wir uns selbst auf der Bühne, den wohlstandsgesättigten Zuschauer, der beim Betreten des Theaters frohgemut zu den Sitzen strebte und dabei gefilmt wurde — und wissen, dass jede Fantasie ein Ende hat, wenn es dem Einzelnen an den Kragen geht. Der Bezug zum Glauben an diesem Abend? Wohl eher, dass er eine Leerstelle bleibt — und man so merkt, dass er doch noch nicht ganz verloren ist.
Dorothea Marcus