Der „Isaak-Komplex“
Dramatische Traditionen des Judentum im Lichte des Mythos von Abraham und seinem Sohn
Vortrag
von PD Dr. Matthias Morgenstern, Privatdozent am Institut für
Religionswissenschaft und Judaistik, Universität Tübingen
Datum: 17. Juni, 14.00 Uhr
Ort: Theater im Marienbad
Die Beziehung
des Judentums zum Theater schwankt historisch zwischen radikaler
Theaterferne und zunehmender Theaternähe. Auf der einen Seite wird
das Theater im Talmud als „Ort des Spottes und der
Gottlosigkeit“, ja gar des heidnischen Götzendienstes
verdammt. Schon das Bilderverbot stand einer Kunstform entgegen, in der
es auf Verkleidungen und das Rollenspiel ankommt. Und nach einer
jüdischen Bibelauslegung kam Joseph in Ägypten nicht
zufällig an dem Tag, an dem die berühmten Nil-Festspiele
stattfanden, in die verführerische und verderbliche Situation mit
Potiphars Weib...
Auf der anderen
Seite stellt die hebräische Bibel mit der Geschichte von
„Isaaks Opferung“ (der „Bindung Isaaks“) ein
Material zur Verfügung, wie es dramatischer nicht gedacht werden
kann: Isaak, bei dessen Geburt (wie sein Name auf Hebräisch sagt)
ein „Lachen“ stand, soll auf Geheiß Gottes von seinem
Vater Abraham auf dem Moria-Berg, im Zentrum des heutigen Jerusalem,
geopfert werden; doch am Ende wird er, ein klassisches Vertauschungs-
und Verwechslungsmotiv, durch ein tierisches Opfer, einen Widder,
ersetzt. Erstaunlicherweise hat das jüdische Altertum diesen
Stoff, der nicht weniger „dramatisch“ ist als der
griechische „Ödipus“, aber nicht für die
Bühne verarbeitet. Erst das moderne hebräische Theater in
Israel hat den „Mythos“ der Abrahamsgeschichte
wiederentdeckt und findet in ihr – in einem grotesken Zerrspiegel
– bedrohliche Facetten der eigenen historischen und sozialen
Realität.