Badische Zeitung vom Montag, 26. Juni 2006
Unendlich traurige Abschiedsarie
FREIBURGER THEATERFESTIVAL: "Alcesti" ,
ein Tanzstück der Compagnia Abbondanza/Bertoni


Finsternis und Totenstille, aus der sich durch einen dünnen Vorhang halb entrückt zwei Leiber schälen: Mann und Frau. Zwei Schemen nur, die sich im Zwielicht recken, strecken, näher rücken — und dann hüpft sie mit einem Satz ihm auf den Schoß. Zwei Schatten ihrer selbst, im Grunde nackt und bloß, in einer Schattenwelt: Der Hades, der Admetos droht, steht im Alkestis-Tanzstück der Compagnia Abbondanza aus Bologna am Beginn — und wird verzaubert. Atemlos verfolgen wir, wie Liebe wie ein Funke in die morschen Glieder fährt, wie die verschämte Zärtlichkeit von Greisen halb grotesk, halb innig zuckt und tastet, lauschen dem verstärkten Glucksen und Rascheln, das einen zutiefst intimen Raum herstellt. Das Dämmerreich als Hort der Zweisamkeit — ein starker, visionärer Auftakt.

Dann folgt in nur ein Bild verdichtet, frei nach Rilke, der schicksalsschwere Tag der Hochzeit, des Opfers und der Trennung. Er und sie, Admetos und Alkestis, werden schwarz und weiß gewandet, mit Hut und Schleier ausgestattet. Man muss den Mut bewundern, mit dem Antonella Bertoni und Michele Abbondanza auf weite Strecken alles verweigern, was gefällt: Tempo, Musik — ein fernes, klagendes Echo nur von herrlichen Melodien! — und Schönheit der Bewegung. Sie setzen ganz allein auf Ausdruck von Wesen und Gefühl. Tatsächlich ist, was Bertoni als Alkestis leistet, schlicht grandios. Mit Tippelschritten und ruckenden Bewegungen, als sei ein anderer in ihren Leib gefahren und habe ihn entwendet, mit immer schon abgewandtem, seltsam abwesendem Blick schwankt sie somnabul an Admetos´ Seite. Sie ist, bis in die letzte Faser ihres Wesens, das geborene Opfer.

Zur Travestie des Hochzeitstanzes spielt laut Musik auf. Endlich. Das Zeitmaß der Bewegungen normalisiert sich — nach all dem akustischen und motorischem Entzug eine Erlösung. Doch schon naht mit Donnerschall und Sturmwind das Verhängnis: Ein Gott tritt auf, eine Göttin, ein Mannweib mit Pumps und Lippenrot, das die Beine grätscht und anschafft. Elisa Cuppini stürzt mit höhnischen Macho-Gesten die Liebenden ins Unglück: Sie will Admetos. Er erniedrigt sich, bettelt wie ein Hund — umsonst.

Wenn dann Alkestis sich als Opfer für den Geliebten feilbietet — dann ist das, von Bertoni getanzt, eine unendlich traurige Abschiedsarie. Sie endet als körperloses, verblassendes Engelsschweben im wieder verdunkelten Raum — ein erstaunliches Stück geradezu barocken Illusionstheaters. Erschüttertes Schweigen, dann erst Applaus im Freiburger E-Werk.
Ludwig Ammann